1800m Sehhöhe

Ein Urlaubsbericht
von Frank Teske

- für Amateurastronomen

Anfang des Jahres 1996 entschloß ich mich - beeindruckt und fasziniert von den Astrofotos und Erlebnissen renommierter Amateurastronomen - zu einem Urlaub in den östereichischen Bergen.

Bekannt durch eine Anzeige in SuW orderte ich per Fax vom 10 Juli bis 18 Juli ein Zimmer im Gasthof Fichtenheim auf der Emberger Alm.

Die Emberger Alm liegt zwischen Villach und Lienz in Südöstereich in Kärnten bei 13°10' östl.Länge und 46°46' nördl.Breite am Südhang der KreuzeckGruppe auf 1800m Höhe NN. Tief im Tal schlängelt sich die Drau von 0st nach West ihren Weg durch das Felsmassiv, und die gegenüberliegende 2Tausenderkette gibt den Blick frei auf schneebedeckte 3Tausender,- in Slowenien und Italien gelegen - alles in knackklarer Luft und 80 km weit weg! Es würde hier an dieser Stelle wohl den Rahmen einer Aufzählung des mitgenommenen Instrumentariums sprengen; nach Ausbau meines Rücksitzes fanden ca. 1 Kubikmeter zusätzliche Balaststoffe Platz...

Um Mitternacht des Abfahrtstages stieg die Stimmung, als sich Jupi während der bevorstehenden langen Autobahnfahrt gewissermaßen als "Leitstern" erwieß. Mäßiger LKW- Verkehr und einige Nordeuropäer machten die Nachffahrt zu einem leichten Unterfangen. Die klare Nacht hatte morgens um halb 6 bei München mit Nieselregen und grau in grau ein jähes Ende. Mürrische Grenzer bei Kiefersfelden konnten mir keine Auskunft über das MautSystem in A geben. Da ich die Route ab A per Bundesstraße durch die Galaxis gewählt hatte, wurde von nun an höheres fahrerisches Können an mich gestellt. Zu allem Ümberfluß schüttete es aus Fässern (oder war es nur natürliches Umgebungswasser, das mir vorgaukelte es regnete?) Jedenfalls hielten die Dichtungen und mein Starshuttle schwamm durch das Naturschutzgebiet Hohe Tauern mit seinen schneebedeckten 3Tausendern und ich wurde direkt in den Felbertauerntunnel gespült. Am Ende des Tunnels - Licht! Die Sonne beschien mit interplanetarischer Kraft diese grandiose Bergwelt, die einen vergessen machen ließ, welchen Planeten man gerade befuhr. Ich rollte praktisch bergab nach Kärnten rein, verfuhr mich ein einziges mal in Berg (wie ich später feststellte ist die Zufahrt in Greifenberg ausgeschildert) und landete auf der falschen Alm. Die folgende extreme Bergabfahrt machte mich auf ein Loch im Auspuff aufmerksam - doch davon später.

10 km in Serpentinen und alles im ersten Gang; die Straße voller Schlaglöcher, Beschleunigung nicht möglich; hoffentlich kommt keine Säure aus der Zusatzbatterie; Steigung ohne Ende- noch eine Kurve, dann, dann muß doch endlich was zu sehen sein, nein, nur Bäume und Kurven, mein Auto schaffl das nicht -so und ähnlich ging es mir durch den Kopf-, planetarischer Gegenverkehr auf Subraumniveau erforderte hochpräzise Navigationsmanöver... nach 1 einhalb Stunden Fahrt und 850 km weiter:

"Servus, bist zum Sterne gucken g'kommen"!

Kein Gefühl der Erleichterung beschlich mich, eher so eine Ahnung von es-ist-schon-halb-vier und die Luft ließ sich schlecht atmen. Irgendwie dünner...

Anschließend führte mich Wolfgang Sattlegger herum, zeigte mir mein Quartier und die Unterkunft für's Fernrohr. Beim Entladen baute ich noch schnell das Teleskop auf und sah mir auf der Sonne die westwärts verschwindende Cassiopeia -förmige Fleckengruppe an, die ich tags zuvor entdeckt hatte. Die Transparenz ist unbeschreiblich. Wolkengruppen auf Augenhöhe zogen plastisch vor der Bergwelt gegenüber vorbei und das knattern der bunten Bespannung von startenden Drachenfliegern und Paragleitern in der Nähe unterbrach die anwesende Gewaltigkeit der Stille und betonte dieses übergroß wirkende Bergpanorama, das von einem Schirm aus Blau überspannt wurde.

Nachdem ich Fracht und Durst gelöscht hatte, fiel ich ins Bett und träumte wild voran. Um Mitternacht erwachte ich mit fürchterlichem Muskelkater an Stellen, wo ich nie Muskeln vermutete. Nun wollte ich endlich den Kärntener Himmel erobern und so bewaffnete ich mich mit dem Bino und nahm auf dem Balkon Spannerhaltung ein. "Schon wieder Wolken und auch noch so fürchterlich helle" ging es mir durch den Kopf bis mir dämmerte was ich da sah. Das Bino, in den Händen haltend, vergaß ich und mit bloßem Auge sah ich die Milchstraße über mir, ich sah sie klar umrissen mit Teilungen und kontraststark ließen sich schwache Gebiete von helleren unterscheiden. Scheinbar isoliert ließ sich die Schildwolke ausmachen und innerhalb erkannte man mühelos nebelfleckartige Details. Jupi wies mir den Weg zum Schützen und irgendwie war ich baff vor staunen als mir dann vollends die

Orientierung abhanden kam. Nichts stand an gewohnter Höhe über dem Horizont und alles davon so zahlreich und so hell. Im nachhinein kommt mir das alles wie ein Spuk vor. Leider dauerte diese erste Begegnung nur eine Stunde; es zog sich zu und ich mich zurück.

Vor dem Frühstück konnte ich die Begegnung von Venus und Mond mit bloßem Auge zwischen den Wolkenfeldern am Taghimmel beobachten, allerdings fehlte an diesem Morgen der Himmel für ungetrübten Sehgenuß.

Das Frühstücksbuffet fiel - wie an allen folgenden Tagen - üppig aus und auch darin zeigte sich, wie Familie Conny und Wolfgang Sattlegger ihr Handwerk verstanden, und auch der familiäre Umgangston fand allseits guten Anklang. Der Wolfgang -technisch aufgerüstet- versorgte mich mit Wetterprognosen und -bildern, die er alle halblang aus dem Faxgerät zog. So fand sich schnell die Gemeinsamkeit von Drachenflieger und Astronom. Astronomen fand ich auch - gleich Rudelweise. Schon die erste optische Inspektion von Fahrzeugen und ihren Aufklebern ließ tief blicken, und auf den Balkonen stand 8 und 10 Zoll Gerät herum. Schnell schloß ich Bekanntschaft mit Christian Higl, der mit einem 12 Zoll Gabelmontiertem alle Mieder kleingewichtig darstehen ließ. Leicht käme man auf den Gedanken, die Fa. Astrocom veranstaltete ein kleines Teleskoptreffen in der Abgeschiedenheit der Kärntener Bergwelt.

Auch für das diesjährige ITT in Kärnten im September hatten die Veranstalter Maßnahmen ergriffen; weiträumige Gebiete waren eingeebnet und bereit für den Ansturm von Astronomen aus aller Welt.

Allerdings ziehe ich eine astrokomfortable Unterkunft anderen Möglichkeiten in dieser Gegend vor...

First Light unter Kärntener Himmel gab's -schon wieder! - um Mitternacht. Der Aufbau gestaltete sich für mich unproblematisch; 4m Weg und das Fernrohr hatte ein Dach über dem Kopf, äh Tubus. Strom gab es dort auch um z.B. Akkus oder Batterien zu laden. Dämmerung war ab halb 10. Alpha Polaris, schnell gesichtet- verlor man mit fortschreitender Zunahme der Dunkelheit aber leicht aus den Augen. Die Sternschlängelei von Drache und Giraffe, die nördl. Gebiete von Cepheus und Cassiopeia und die schwachen Teile des großen Bären erweckten bei mir den Eindruck, über Nacht seien völlig neue Sterne in diese Gegend hinzuentstanden. Und der Rest des Sternenhimmmels? Normalerweise kann ich neben Corona Borealis leicht die Figur des Herkules ausmachen, nun, im Hochgebirge habe ich für den gewohnten Eindruck des Anblick eine ganze Weile auf der Stelle gestanden... Beindruckend zeigte sich der Detail- und Farbreichtum auf Jupiter und mein zeichnerisches Können und Wahrnehmungsvermögen wurde auf eine Probe gestellt. Saturn sah ich bei kleiner Ringöffnung rattenscharf. Keine nennenswerten Turbolenzen und andere Seeingeffekte verschmierten den Blick des winzigen Saturnschattens auf dem eigenen Ring. Eine regelrechte Hatz auf stellare und interstellare Objekte begann. Mein 8 Zoll Meade SC offenbarte M17, mit nie gesehenen Strukturen und Ausmaßen, verblüffte ebenso wie die on-Edge-Galaxie in Christians 12er LX200. Beim Trifidnebel juckten mir die Finger. Es mußte endlich ein Foto her. Komet Hale-Bopp gerade im Schild, war genau der Favorit. 3 Kameras wurden bereit gemacht, aber der Ausfall meiner 6*6 Kamera und die Tatsache, daß der Scotch 400 beim Entwicklungsvorgang Licht abbekommen hat, (Fotolabor) beweist wieder einmal die Tatsache, wie leicht viele investierte Stunden Belichtungszeit zunichte gemacht werden können. Nun denn, einige bescheidene Bilder konnte ich mitbringen. Gegen 4 Uhr morgens verblaßte langsam die Milchstraße und im Osten stand der Stier und die Plejaden schon reichlich hoch über dem Gebirgskamm...

Die Beobachtungsnacht verlief trocken, es gab keinen Tau, der Wind ging als laues Lüftchen, und aus dem Tal war so gut wie kein Streulicht auszumachen. Am nächsten Tag lief alles anders. Der Vormittag glänzte von der prallen Seite; die Sonne lud zur Beobachtung ein und das staunende Publikum (Bergwanderer, Drachenfliegerehefrauen + Anhang...) gaben ihre Kommentare zu dem, was sie im Okular ausmachen konnten, ab. Die folgenden Tage Trockenastronomie und ein wenig Fachsimpelei mit Astrokollegen vertrieb uns die Zeit von Samstag bis Dienstag Nacht. An diesem Wochenende: Vormittags klar, pünktlich zur Nacht: Regen oder Wolken. Oder bedeckt.

Zun Glück stand ich mit mit Schusters Rappen perdu. Eine kleine Bergtour (Naßfeldriegel, 2300m etc.) und Erkundungen der Umgebung sorgten für Abwechslung. Christian und ich fanden uns schnell in der abendlichen Runde der Drachenflieger wieder und wie schon so oft überlegte ich mir, ob Tauchen nicht das ideale, weil wetterunabhängige Hobby, für mich angesagt sei. Aber von solch' ketzerischen Gedanken kam ich schnell weg!.

Belohnt wurde die Ausdauer mit einer grandiosen, astronomischen Nacht. Christian war mittlerweile abgereist, und ich absolvierte mein Beobachtungsprogramm alleine. Wieder einmal präsentierte sich der Himmel von seiner besten Seite und ich tauchte ein, um mit dem 30 mm Okular plus vorgeschaltetem Fokalreducer in ausgedehnten Sternenfeldern nach Haufen, Nebeln und anderen Wundern des Universums zu spähen. Ein durchrauschendes Gewitter in der Ferne und anschließendes Wetterleuchten bildeten den krönenden Höhepunkt.

Auch am Tag konnte man so mancherlei am Himmel entdecken. Ein über 20 Grad großes und farbiges Halo um die Sonne herum - in doppelter Ausführung - und mit hindurchrauschenden Drachenfliegern ließ sich stundenlang anschauen. Leider war ich fotografisch nicht ausgerüstet um diesen Effekt im Ganzen abzulichten, Die Sonne war bis auf die Gruppe (6.0.) blank, aber bei bester Durchsicht ließen sich Fackeln und Granulation beobachten.

Das kleine Loch im Auspuff reparierte ich vor der Abfahrt mit einem Stopfen aus Alu und ein paar Lagen Alufolie, die ich mit blankem Kupferdraht fixierte. Am Donnerstag, den 18. Juli fuhr ich am Vormittag nach Gö zurück,-diesmal wollte ich die A 10 über Salzburg ausprobieren. Das klappte auch ganz gut. Die Strecke ist ca. 50 km länger, läßt sich aber schneller fahren. Auf der Höhe von München machte mich ein Autofahrer mit hektischem Winken auf mein Auto aufmerksam. Warnblinke an und rechts ran. Auspuff abgerissen. Schleift auf dem Boden. Dem Abrieb zufolge mindestens seit ein paar 100 Kilometern. Was nun? Lederhandschuhe an, ein bischen geruckt und mein Antriebsaggregat konnte frei atmen. Dem Geräusch nach zu urteilen hatte ich 500 PS mehr. Jedenfalls guckten um mich herum alle neugierig nach dem Lärm, den ich bei vorsichtigen 100 km/h verursachte. Hält man nur mit 2 Lagen Watte im Ohr aus. Von wegen, läßt sich schneller fahren... Nach 11 Stunden Fahrt war ich wieder in Gö, und nach diesem ersten Astrourlaub werde ich bestimmt nicht das letzte mal in Kärnten gewesen sein. Wer ein bischen auf den Geschmack gekommen ist und nähere Infos braucht, dem stehe ich gerne mit Auskünften bereit.


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© Die AVG Internet-Redaktion, letzte Änderung: 12.10.1997