Die totale Mondfinsternis vom 27. September 1996

2.45 h (MESZ)
Als ich vor die Tür trete, stehe ich in einer hellen klaren Mondnacht. Nicht nur mit dem Wetter, sondern auch mit der Position des Mondes im Westen habe ich Glück, denn so kann ich das Teleskop an einer Stelle aufbauen, an der ich festen Untergrund habe. Bis ich auf den Gedanken komme, daß ich wegen der Helligkeit des Mondes vorerst nicht die ganze Tubusöffnung von 4, 5 Zoll brauche, habe ich schon einen Blick durchs Okular geworfen und mit dem Vollmond mein Auge verblitzt. Als nächstes setze ich also wieder einen Teil der Abdeckung ein...

3 h
Ob der Kernschatten der Erde nicht bald am Mondrand auftauchen wird ? Keiner meiner Uhren so recht vertrauend, verlasse ich mich nun auf meine Augen, und plötzlich sehe ich auch das, was vorher nicht da war, nämlich einen Schatten am östlichen Rand des Mondes. Da kommt sie also, die totale Verfinsterung, und der Himmel ist tatsächlich klar ! In der folgenden Stunde beobachte ich, wie der Mond immer weiter schrumpft. Ich stelle fest, daß man sich in herbstlichen Nächten nicht unter Apfelbäumen aufhalten sollte- regelmäßig fallen neben mir Äpfel herab, und ich fürchte schon für das Teleskop. Aber weil schließlich herabfallende Äpfel Newton zu großen Gedanken inspiriert haben, sehe ich mich gezwungen, vor so einem bißchen Fallobst nicht zu weichen. Züge fahren durch die Nacht, das Rauschen der Autobahn dringt herüber ansonsten liegt alles im Schlaf. Ob wohl ein paar Zugreisende aus dem Fenster sehen, was wohl mit dem Mond los ist?

4.05 h
Immer dunkler wird der Mond, das Licht, das eben noch die Landschaft erhellte, erlischt. Wenn es nicht schon Nacht war, konnte man sagen, die Nacht bricht an, denn solch ein Gefühl beschleicht einen. Wenn man nicht wußte, daß sich dort nur Harmloses am Himmel abspielt und daß der Mond in einer Stunde auch wieder heller wird... ich kann mir vorstellen, daß so ein Himmelsereignis für die Menschen früherer Zeiten ziemlich unheimlich gewesen sein muß. Schmaler und schmaler wird die Sichel, die sich grell vom übrigen Mond abhebt. Die östliche Mondseite erscheint jetzt rötlich, was man besser mit dem bloßen Auge, als durchs Fernrohr erkennt. Am Terminator merkt man, daß diese Verfinsterung etwas anderes sein muß als eine Mondphase, es gibt keine scharf ausgeleuchteten Kraterränder, alles ist gleichmäßig verdunkelt. Dicht neben dem Mond erscheinen Sterne; ein Objekt, das ich für irgendeinen Stern hielt, entpuppt sich als Saturn. Schon lange kann man beim Blick in den Westen auch das Sternbild erkennen, in dem der Mond steht und das er zuvor überstrahlte, den Pegasus. Im Süden hat sich ein Sternhimmel entwickelt, der dem klaren Wetter zur Ehre gereicht. Fast alle Wintersternbilder sind vertreten, allen voran eilen die Plejaden, Stier und Orion. Auch Sirius steht schon einige Grad über dem Horizont, über den Feldern. Im Zenit steht Perseus; h und chi kann man in dieser Nacht prima mit bloßem Auge sehen. Hilfe, am westlichen Horizont erhebt sich ein Wolkenstreifen!

4.14 h
Die verbliebene Sichel ist nur noch sehr schmal. Die Wolkenschicht rückt höher. Und die Zeitung wird gebracht.

4.19 h
Der Mond ist vollständig vom Kernschatten der Erde bedeckt und sieht aus wie ein großer, roter, matt leuchtender Gasballon.

4.22 h
Der Mond wird von Wolken verdeckt. Zum Glück erst jetzt - ein gutes Timing! Zum Abschluß der Beobachtungsnacht richte ich das Fernrohr noch einmal auf den Orionnebel, bevor auch dieser Teil des Himmels von Wolken verdeckt wird. Im Osten ist die Venus aufgegangen. Es ist schon eine Art Morgenstimmung in der Luft, auch wenn die Sonne erst in einigen Stunden aufgehen wird. Jetzt freue ich mich auf eine Tasse Tee und ein vorgezogenes Frühstück!

Christine Geisler


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