Besuch im Planetarium der Fachhochschule Kiel

Anfang Oktober verbrachte ich einige Tage an der Ostsee und nutzte den Aufenthalt in Kiel, um mir einen Abend im dortigen Planetarium zu gönnen. Der Weg durch das Gebäude der Fachhochschule zu den Räumlichkeiten des Planetariums ist durch viele gelbe Sternchen, die auf dem Fußboden kleben, markiert. An der Kasse angelangt, bekamen wir für die sogenannte Midnightshow um 21h gerade noch Eintrittskarten, während ein Teil der Besucher auf die spätere - extra wegen des Andranges eingeschobene - Veranstaltung vertröstet werden mußte.

Das Planetarium selbst umfaßt etwa 40 Plätze. Rund um die Kuppel ist naturgetreu die Skyline von Kiel angebracht, so etwa die Innenstadt mit der Nikolaikirche, der Hafen mit den Werftgebäuden und die Förde. Wie schon die Ankündigungen offenbarten, sollte es sich bei der Nightshow um eine ungewöhnliche Vorführung handeln, und so war es denn auch. Zu Beginn wurden wir darüber aufgeklärt, daß jeder, der in der kommenden Stunde an seriöser Astronomie interessiert sei, besser jetzt gehen solle. Je weiter die Show voranschritt, desto mehr verstand ich, wieso. Anfangs war es noch realitätsbezogen. Zunächst erblickten wir den Sternenhimmel, wie er in einer dunklen, klaren Nacht von Kiel aus zu sehen wäre. Dann kamen nacheinander die Faktoren Luftverschmutzung, Klimalage und die Beleuchtung Kiels dazu, so daß vom ursprünglichen Sternenmeer nur noch die lichtstärksten Objekte übrig blieben. Für all , die im Großen bzw. Kleinen Wagen keine deichsel-besetzten Fahrzeuge erkennen konnten, wurden daraus originelle neue Sternbilder erdacht. So wurde aus dem Großen Wagen etwa das "Große Telefon" (die ursprüngliche Deichsel war dabei die Telefonschnur), aus dem Kleinen Wagen wurde "Das Handy" (die Deichselsterne bildeten die Antenne).

Dann erfolgte zum Soundtrack von "Krieg der Sterne" eine Phantasie-Reise durch den Weltraum, bis wir auf der Venus ankamen. Eine nette Idee war es, die Reise als Urlaubsfahrt zu beschreiben, bei der wir vom Reiseveranstalter über die Wetter- und Klimaverhältnisse aufgeklärt wurden (Mit 400 ºC Temperatur, einem aus Schwefelsäure bestehendem Niederschlag und irrsinnigen Druckverhältnissen ist die Venus aber vielleicht kein optimales Urlaubsziel). Er erfolgte ein langwieriger Flug über die Venusoberfläche mit intensiver Musikuntermalung. Dann ging es zum Mars, dessen Oberfläche auf gleiche Art erkundet wurde, wobei man aufgrund der unscharfen Projektion aber kaum Unterschiede zur Venus erkennen konnte. Die Darstellung des Planeten Mars unterschied sich von der Venus im wesentlichen dadurch, daß die Lautstärke der Musik sich noch mehr steigerte. Auf Hinweise irgendwelcher Art wurde fast vollständig verzichtet. Allerdings kann das auch an der Improvisation gelegen haben: Wie man uns zu Beginn mitteilte, hatte derjenige, der die Show eigentlich hatte moderieren sollen, den Termin vergessen, so daß für ihn ein zufällig vorbeigekommener Sternfreund einspringen mußte.

Dann erfolgte das, was von den Veranstaltern als "Reise zu fremden Welten" beschrieben wurde. Spätestens hier ging die Show vollends in den Science Fiction-Bereich über: Man sah Planeten mit merkwürdigen Bauten und Zivilisationen, und Landschaften, die als Fantasy-Kunst sicher schon, in einem Planetarium aber meiner Ansicht nach fehl am Platze waren. Natürlich kann man ein Planetarium auch zu Zwecken der bloßen Unterhaltung nutzen - dann aber lieber gar keine Information weitergeben, als durch eine derartige Vermischung von Astronomie und Science-Fiction falsche Eindrucke erwecken. Angesichts der zahllosen, einem modernen Weltbild Hohn sprechenden Vorstellungen in der Öffentlichkeit sollte man nicht noch zusätzlich Verwirrung stiften. Zumindest ein Planetarium sollte an sich einen gewissen Anspruch auf Realitätsnähe stellen, weil der Besucher dort von einem wissenschaftlichen Hintergrund ausgeht (Anders ist das im Kino: Da wiss wir schließlich, woher die Aliens kommen, nämlich aus der Trickkiste !). Schließlich bliebt die grundsätzliche Frage, ob man auf Information völlig verzichten muß - Unterhaltung und Verständlichkeit müssen einander doch nicht ausschließen!

Am Ende wurde ich wieder friedlicher gestimmt, ich erlebte nämlich den Untergang unseres Sonnensystems mit, auf beeindruckende Weise und mit diesmal passender Musikuntermalung. Man blickte von der Erde auf die sich ausdehnende Sonne. Die Oberfläche unseres Planeten vertrocknete schlagartig und wurde dann Teil des riesigen Sonnenballs. Nachdem die Erde auf diese Weise von der Sonne geschluckt worden war, konnte man nun von weiter draußen im Weltraum mit ansehen, wie die Sonne sich mehr und mehr aufblähte. Plötzlich ein kurzes, gleißend helles Aufblitzen für den Bruchteil einer Sekunde - und dann Finsternis, ein dunkler Weltraum. Nur in der Ferne ein einsamer, kleiner weißer Stern. Und das war alles, was noch übrig war. Anders gesprochen: Das wird alles sein, was von unserem Sonnensystems übrig bleibt. Eine ziemlich deprimierende Aussicht, jedenfalls, wenn man es rein vom materialistischen Standpunkt aus sieht. Aber das Philosophieren darüber heben wir uns besser für den Stammtisch auf...

Damit endete die Reise durch das All und der Besuch im Planetarium Kiel. Letztlich bin ich nicht sicher, ob mir die Show gefallen hat oder nicht. Auf jeden Fall war sie inspirierend!

Christine Geisler


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