Schlamm, schlämmer, am schlimmsten...

Erlebnisse beim ITV 97

Nachdem 1996 meine Teilnahme am Teleskoptreffen am Vogelsberg aus dienstlichen Gründen leider ausgefallen war, wollte ich dieses Jahr natürlich wieder dabei sein. Um nicht wieder, wie zwei Jahre zuvor, im nassen Zelt hausen zu müssen, hatte ich mir für dieses Unternehmen erstmals ein Wohnmobil gemietet, mit dem meine drei größeren Kinder und ich gen Süden aufbrechen wollten. Natürlich mußte auch mein erstes selber gebautes Spiegelteleskop mit, welches nach fast fünfmonatiger Bauzeit (hauptsächlich an den Wochenenden) gerade rechtzeitig fertig geworden war und das ich "N 8" getauft hatte.

Donnerstag, 8.5.97

Nachdem im Laufe des Vormittags die gesamte Ausrüstung im Wohnmobil verstaut war, konnte es nach dem Mittagessen endlich losgehen. Die Kinder und ich waren guter Dinge, das Wetter wurde zusehends sonniger und nach einer halben Stunde hatte ich mich auch an das völlig neue Fahrgefühl gewöhnt.

Etwa drei Stunden später erblickten wir bei schönstem Sonnenschein hinter der letzten Kurve den wohlbekannten Sportplatz von Stumpertenrod, der einmal im Jahr zum astronomischen Mittelpunkt Deutschlands wird. Entsprechend zahlreich war der Platz auch schon belegt. Nur wenige Lücken waren noch zu finden, wo ein Wohnmobil stehen konnte. Da es hier den ganzen Morgen geregnet hatte, kam ich nur mit Schiebehilfe durch den ziemlich aufgeweichten Einfahrtsbereich auf die Wiese.

Walter Kutschera, der örtliche "ITV - Manager", half mir, einen Stellplatz zu fnden. Danach brauchte ich nur noch einen Stromanschluß. Den fand ich an der Kabeltrommel vom Nachbarn schräg gegenüber, der außer seiner Familie und der umfangreichen optischen Ausrüstung auch noch drei junge irische Wolfshunde mit einer Schulterhöhe von ca. 80 cm in seinem Wohnmobil beherbergte. Letztere waren auch der Grund dafür, warum ich mein Kabel in sehr großem Bogen um sie herum verlegen sollte, denn in ihrer jugendlichen Neugier hatten die netten Kerlchen schon einmal ein sehr teures Computersteuerungsteil von seinem Teleskop genagt und genüsslich zerkaut.

Bei einem anschließenden ersten Rundgang über den Platz konnte ich viele bekannte Gesichter und Geräte erblicken aber auch einige neue Objekte bestaunen. Außerdem war diesmal neben den bekannten Firmen Intercon Spacetec, Grab Astro Tech und Baader auch Astronomieservice Copernicus Erfurt zusammen mit Astro Caesar Weinheim mit einem Zeltpavillon vertreten.

Der Nachmittag blieb sonnig, aber kalt, der Abend wurde klar und noch kälter. Da zeigte sich schon, daß ich nicht genügend warme Sachen eingepackt hatte. Trotzdem visierte ich voll gespannter Erwartung mit dem zuvor aufgebauten und nachjustierten N8 das zuerst in der einsetzenden Dämmerung sichtbare Objekt an, den Mars. Überraschend für mich war, wieviel der Schritt vom bisherigen 4,5" - Spiegel zum 8" - Spiegel ausmacht ! Neben der deutlich helleren Polregion waren auch leicht Farbunterschiede auf der restlichen Oberfläche auszumachen.

Als es dann zunehmend dunkler wurde und die Kinder bereits schliefen, hatte ich einige Mühe, selbst altbekannte Konstellationen in dem Sternengewimmel auf Anhieb wiederzufinden. Langsam begann überall ein geschäftiges Treiben und ein angeregtes Gemurmel, häufig unterbrochen von vielfachem "Oh!" und "Ah, ich hab sie!".

Einige Deep-Sky-Experten nebenan warfen mit NGC-Nummern nur so um sich. Bei einem Blick durch deren 16" - Dobson konnte ich mit viel Mühe gerade mal ein ganz blasses, längliches Etwas erkennen. Umwerfend dagegen der Anblick des Ringnebels M 57: scheinbar groß wie ein Fünfmarkstück mit Zentralstern in der ganz dunklen Mitte. Dann im Vergleich beim N8: immerhin groß wie ein Zweipfennigstück und auch schön hell mit dunklem Kerngebiet. Dann nahm ich mir südlich von Praesepe M 67 vor, einen offenen Sternhaufen im Krebs: an die hundert fantastisch funkelnde Einzelsterne auf engem Raum!

Beim Schwenk in Richtung Bootes sprang mir bei 48fach der Kugelhaufen M 3 in den Jagdhunden förmlich ins Auge. Wechsel zu 80fach und dann 160fach: fantastischer Anblick, ganze Bildfeldmitte ausgefüllt und die äußeren Bezirke deutlich in Einzelsterne aufgelöst, ein Leckerbissen.

Ähnlich eindrucksvoll präsentierte sich M 13 im Herkules. Dann, nahe des Zenits etwas schwieriger anzupeilen, M 51 in den Jagdhunden sofort flächenhaft zu erkennen, bei mittlerer Vergrößerung Hell-Dunkel-Unterschiede in den Spiralarmen und deutlich getrennt die Begleitgalaxie. Bei der Suche nach M 81 und M 82 in Ursa major machte mir dann in Ermangelung dicker Handschuhe und Thermoklamotten zunehmend die heftige Kälte zu schaffen, denn mit der hatte ich in dem Maße nicht gerechnet. Als ich dann gegen 0.30 Uhr fast kein Gefühl mehr in den Fingern hatte, erklärte ich den Beobachtungsabend für beendet und wuchtete zähneklappernd das Teleskop ins Wohnmobil.

Freitag, 9.5.97

Am frühen Morgen weckte mich ein schreckliches Geräusch: prasselnder Regen auf dem Wohnmobildach. Ein Blick aus dem Fenster: tief dahinjagende dunkle Wolken, aus denen es schüttete. An diesem Zustand änderte sich bis mittags nichts. Dann bildeten sich etwas hellere Strukturen in der Wolkendecke und bald, oh Wunder, klarte es auf und die Sonne hatte ihre Chance, schnell mal als Beobachtungsobjekt zu dienen. Fast alle Instrumente waren auf den einen dunklen Fleck auf ihrer Oberfläche gerichtet, bis die nächste schwarze Wolkenwand dafür sorgte, daß all die schönen Geräte wieder die bekannten Plastiksäcke übergestülpt bekamen und sorgsam verschnürt wurden. Einige Zeitgenossen ersparten sich letzteres, was zur Folge hatte, daß sich die eine oder andere Plastiktüte im aufkommenden starken Wind schnell verabschiedete und die wertvolle Montierung schutzlos dem Gewitterwolkenbruch und Graupelschauer ausgesetzt war, während die Besitzer nichtsahnend im Zelt hockten. Später, bei den nächsten Sonnenstrahlen, sah man sie mit besorgter Miene ihre Montierungen mit Geschirrtüchern trockentupfen.

Gegen Abend wurden die Wolkenlücken wieder größer und es klarte dann ganz auf. Diesen Abend wollte ich, nachdem die Kinder wieder schliefen, mal durch diverse andere Teleskope schauen. Doch das gestaltete sich als schwieriges Vorhaben, da jeder Schritt auf der regendurchtränkten Wiese unschön saugende Geräusche verursachte. Aber vor allem hatten sich die vielbelaufenen und von Reifenspuren durchfurchten Wege in glitschige, braune Schlammpisten verwandelt, im Dunkeln eine echte Herausforderung ans Gleichgewichtsorgan! Also beschränkte ich meinen Radius auf die nächste Umgebung und zog es beim Herannahen der ersten Wolkenstreifen von Südwesten vor, mich schon relativ früh ins Mobil zu begeben und mich für die restliche Nacht auf die Matratze abzulegen. Dabei reiften die ernsten Zweifel zur Gewißheit, daß ich mit dem schweren Wohnmobil nach den niedergegangenen Wassermassen niemals aus eigener Kraft vom Platz kommen würde. Beruhigend wirkte da das Versprechen von Walter Kutschera, daß er notfalls jeden mit dem vierradgetriebenen Radlader aus dem Schlam(m)assel rausziehen würde.

In der Tat konnte man solche Aktionen schon am Tage beobachten, nachdem schon manche gar nicht so schwere PKWs eigene Versuche aufgegeben hatten, den Platz zu verlassen. Autos von der Größe eines VW-Busses hatten sowieso keine Chance mehr, geschweige denn Wohnmobile, von denen noch viele auf dem Platz standen. Und so wühlten sich die vier großen Radladerreifen mindestens ein Dutzend mal durch ca. 30cm tiefen Schlammboden, der jedes Mal grundloser wurde.

Samstag, 10.5.97

Als beim Frühstück der Blick nur auf tiefliegende graue Wolken traf, untermalt durch prasselnden Regen von oben, reifte der Plan, die Veranstaltung schon heute zu verlassen und nicht, wie geplant, bis Sonntag durchzuhalten. Während der zwei Tage waren die Räder auf der rechten (Wetter-)Seite auch schon deutlich tiefer eingesunken als links, was sich am Verhalten der Grießklößchensuppe in den Tellern recht anschaulich bemerkbar machte.

Im Laufe des Vormittags wurden alle Sachen verstaut und um 14.30 Uhr waren wir eigentlich startbereit. Aber kurz vorher hatte im asphaltierten Einfahrtsbereich, dem nun einzigen festen Grund, der Flohmarkt begonnen, der auch teilweise im Sportheim stattfand. Angesichts immer wieder hereinbrechender ergiebiger Schauer mußten die wertvollen Teleskope der Freiluftausstellung dauernd unter Plastikplanen verschwinden. Eine Durchfahrt war hier vorerst nicht möglich.

Nachdem sich dieser geschäftliche Rummel gelegt hatte, war Walter, der Retter mit dem Radlader, unauffindbar. Wie sich herausstellte, war er unterwegs, um neue Würstchen zu holen, nachdem am Vorabend sechs große Dosen Bockwürste für rund 200 DM spurlos verschwunden waren. Als dann gegen 17 Uhr Walter und Würstchen wieder da waren, konnten die nächsten Abschleppmanöver beginnen. Während ich diese bei meinen Vorgängern aus der Nähe verfolgte, kamen mir arge Bedenken, war ich doch zum ersten Mal mit einem großen Wohnmobil unterwegs, die Erfahrung damit beschränkte sich auf ganze drei Stunden Fahrzeit.

Die Krönung kam auf dem letzten Stück der Schlammstrecke, als ich an der Stahltrosse hinter dem Radlader hing, und der sich, seitlich wegrutschend, immer tiefer einwühlte, bis er selber nicht mehr vorwärts kam. Geistesgegenwärtig klinkte jemand aus dem mitfühlenden Publikum einen langen Abschleppgurt vorne am Radlader ein, ungefähr zwölf Mann zogen kräftig mit und q-u-ä-l-e-n-d langsam rutschten die Räder durchdrehend aus dem Morast auf das rettende Stück geteerten Untergrunds. Wieder festen Boden unter Rädern und Füßen bedankte ich mich bei der Rettungsmannschaft mit einer Kiste Bier (ein großes Lob für Walter Kutschera und seinen unermüdlichen Einsatz !!), lud die Kinder ein und nach kurzem, aber schweißtreibenden Hin- und Herrangieren konnte ich erleichtert den Platz verlassen und um ein Abenteuer reicher die Heimfahrt antreten.

Ganz gewiß wird dieses Treffen in die Annalen der ITV-Geschichte eingehen!


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© Die AVG Internet-Redaktion, letzte Änderung: 09.10.1997