Kowa binokulares Teleskop

Anfang August eröffnete uns Erwin Vorlaufer, daß ein Bekannter noch'n Fernglas 'rutschen hätte. So ein Geschenk aus alten Honkong-Zeiten. Schwerwiegende Vorahnungen sollten sich noch bestätigen. An einem Abend an der VHS:

Unser Vereinsvorsitzender fährt mit dem Auto vor und fragt nach 4 Trägern. 2 sargähnliche, gigantische und solide gezimmerte Kisten füllen stramm den Kofferraum und warten auf ihre Sherpas. Innere Unruhe macht sich Angesichts dieser Ungetüme in mir breit. Fieberhaft werden ein Doppelglas -25 kg- und eine Glockensäule -31,5 kg aus den Containern geschraubt. Das Handrad für die Höhenverstellung hat Ausmaße wie man sie als Abstellorgane bei Staudämmen oder in alten U-Booten vorfindet...!

Leider bot uns das Wetter keine Möglichkeit für eine sofortige Überprüfung; aber in meinem Hinterkopf sah ich diesen ästhetisch anmutenden Aufbau (dunkler Bursche mit vergoldeten Rohrenden, auf schlankem Bein mit schwerem Plattfuß) sich schon gut auf meinem Balkon ausmachen; ich, der Herr der Öffnung, sozusagen. Davon gibt's 120 mm bei 20- facher Vergrößerung und in doppelter Ausführung. Laut Gravur heißt das Gerät "Kowa-Binokular- Teleskop" und hat ein Gesichtsfeld von 3°. Es gehört Peter Borchert, der als Verkaufsleiter für Zeiss in Honkong tätig war.

Für lhre Leihgabe vielen Dank auch an dieser Stelle, Herr Borchert!

An einem Sonntag Abend, unweit der Göttinger Wetterwarte: Britta, Rüdiger, Peter, Erwin, Matthias und ich sehen Jupiter im Bino in doppelt und mit 8 Monden. Aber da das Teleskop um die halbe Welt gereist war, konnte eine Dejustage der optischen Einheiten nicht ganz ausgeschlossen werden. Beim Betrachten von Sternfeldern fiel mir auf, daß der Kopf die Dinge verrückt, die so nicht sein dürfen. Die entstandenen Doppelbilder werden zu einem Bild zusammen geschaltet. M15 ließ sich mühelos ausmachen, und nachdem wir unter den Säulenfuß zwecks Kippung Bretter gelegt hatten, war M13 auch nicht mehr fern. "Wohl ein bißchen aus der Übung" meinte Matthias zu mir, als er bemerkte, daß ich mich mit der Einstellung des Andromeda Nebels schwer tat. Dank Brittas Hilfe wurde dies bewerkstelligt und 2 Millionen Lichtjahre Distanz schrumpften als sich M31 im großen Gesichtsfeld wichtig tat.

Anschließend wurde der Ästhet durch Rüdigers Mithilfe (Dank, Dank) zu mir verfrachtet, wo er sich breitklotzig im Zimmer schlechtmachte. Am folgenden Tag konnte ich meine Neugier nicht mehr zurückhalten und untersuchte die ominöse Klappe auf dem Bino während meiner Mittagspause. Nix drin und nix dran. Nach Feierabend und mit dem Mut des Entschlossenen wagte ich mich an die Okularseite heran. Die Säule auf den Balkon, den "Kowa" darauf und take a look...

Bildcrash wie gehabt - bei Tage lassen sich Farbsäume ausmachen und eine gerade Linie, die durch das gesamte Bildfeld geht, läßt sich durch entsprechende Kopfbewegungen nach oben und unten verbiegen, dabei verschwindet auch der Farbsaum. Dann wagte ich mich an den Abbau der Okularhalteplatte heran. Zum Vorschein kamen verdreckte, mit Fingerabdrücken und Kratzern übersäte Prismen. Auch zeigte sich, daß die Innenseite der Frontlinsen stark in Mitleidenschaft gezogen ist. Blumenkohlartige Formen an der Innenseite der Linsen lassen auf Pilzbefall schließen. Peter Bachmann kam vorbei und half mir beim Reinigen der Okulare und des Prismensatzes. Dabei stellte sich heraus, daß die Prismen sich ein wenig in den Prismenstühlen bewegen ließen; was ich dann für eine erste Tageslichtjustage anwendete. Anschließend: SUUPAAAH-Bild! Hoffentlich hatte das auch für die Sterne Gültigkeit. Dem war leider so nicht. Also, Schraubendrehersatz und Rotlicht, Jupiter (mit Bändern und Zonen!) und 1 Std. später hatte ich ein akzeptables Bild im Rohr. Schnelldurchlauf durch die Gasgeschichten im Schützen, höher und steiler hinauf (mein Nacken!), das höhenverstellbare Stativ bis zum Anschlag hochgefahren, war ich dann doch voll begeistert vom Anblick der Milchstraße, und die Sterne kamen mir wie zum Greifen nahe vor (nur mein Nacken kam mir noch näher!). Ein Abschiedsblick zu M 27 beendete diese Beobachtung. Und mein N-a-a-a-c-k-e-n!

Am Mittwoch, 27.8. gelang mir noch eine Beobachtung, wie sich Jupiter ohne seine Monde präsentierte. Eine Gesichtsfeldbestimmung führte ich durch Durchlauf von Atair durch, und der erzielte Wert ergab ein Gesichtsfeld von 3°20', was ja auch gut mit dem gravierten Wert harmoniert.

Sonntag, dann endlich in aller Ruhe, ohne Altstadtfeststreß und Schraubendreher und bei allerbestem Wetter noch einmal in den Schützen, den Karkoschka im Anschlag, wollte ich nun endlich wissen, was Sache war. Mühelos konnte ich mich mit diesem gigantischen Gesichtsfeld von M 16,17, 18 u.s.w. Richtung Süd bei seitenrichtigem und aufrechtem Bild durch die Szenerie navigieren! Genuß pur! (Mein Meade 2080 B mit 30mm Okular und vorgeschaltetem Fokalreducer hätte ich nicht als Referenzgerät aufbauen dürfen; der Anblick war sehr eng und unübersichtlich und dunkel!) Der einzig wahre M11 existiert in der kleinen Schildwolke!

Viel Spaß, Nackenstärke und Sehvergnügen wünscht Euch

Frank Teske!


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© Die AVG Internet-Redaktion. Letzte Änderung: 25.02.1998