CAROLINE HERSCHEL (1750 - 1848) Teil 1

Kindheit und Jugend in Hannover

Caroline Lucrezia Herschel kommt am 16. März 1750 als Tochter des Militärmusikers Isaak Herschel und dessen Frau Anna Ilse Herschel, geb. Moritzen, zur Welt. Isaak Herschel hatte ursprünglich Gärtner werden sollen, schaffte es aber, sich mit großer Energie und Beharrlichkeit seinen Traum vom Leben als Berufsmusiker zu erfüllen. Nach Zwischenstationen in Berlin und Braunschweig, wo ihm offenbar übermäßiger militärischer Drill das Leben schwer machte, ließ er sich 1731 als Angehöriger des Musikkorps des Königlichen Garderegiments in Hannover nieder.

Während die Persönlichkeit der Mutter in den Schilderungen Carolines blaß bleibt oder sogar einen eher negativen Anstrich bekommt , wird der Vater recht liebevoll als ausgeglichener und sympathischer Mann beschrieben, der nicht nur die musikalische Begabung seiner Kinder nach Möglichkeiten fördert, sondern auch deren naturwissenschaftliches Interesse. Diskussionen über Musiktheorie, Mathematik und Philosophie sind im Hause Herschel an der Tagesordnung.

Caroline ist die Zweitjüngste der sechs (von ursprünglich zehn) überlebenden Geschwister und entwickelt eine besonders herzliche Beziehung zu ihrem fünf Jahre jüngeren Bruder Johann Dietrich (13.9.1755) und zu dem zwölf Jahre älteren Friedrich Wilhelm (15.11.1738). Ihre Kindheit wird durch den Siebenjährigen Krieg (1756 - 1763) überschattet, der zunächst einmal die Trennung vom Vater und ihrem Lieblingsbruder Wilhelm mit sich bringt und in dessen weiterem Verlauf es 1757 zur Besetzung Hannovers durch die Franzosen kommt, die zwei Jahre andauern soll. Mit Unterstützung seines Vaters setzt sich Wilhelm Herschel, seit 1753 Oboist bei der Hannoverschen Garde, im Herbst 1757 in Begleitung seines älteren Bruders Heinrich Anton Jakob (20.11.1734) nach England ab.

Isaak Herschel selbst wird mit der Hannoverschen Armee zwei Jahre lang vor Stade festgehalten. In dieser Zeit unterstützt die siebenjährige Caroline ihre Mutter nach Kräften im Haushalt und ist, da Anna Herschel nicht lesen und schreiben kann, für die Korrespondenz mit dem Vater zuständig. Auch für andere Soldatenfrauen schreibt sie Briefe an deren Männer im Lager.

Während Jakob Herschel nach der Befreiung Hannovers wieder nach Hause zurückkehrt, etabliert sich Wilhelm zu Carolines Leidwesen als Musiker in England. Die Bevölkerung Hannovers leidet auch noch in den folgenden Jahren unter den Folgen der französischen Besatzung (wie etwa Brennholzknappheit) und in der Stadt grassiert eine Typhusepidemie. Auch Caroline erkrankt 1761 und erholt sich nur ganz langsam wieder. 1763 wird Wilhelm Herschel offiziell aus der Hannoverschen Armee entlassen, im April 1764 kehrt er zum ersten Mal nach seiner Flucht in seine Heimat zurück. In England hat er als Musikdirektor in Leeds seit 1762 einen recht repräsentativen Posten inne und ist bemüht, die Familie in Hannover zu unterstützen. Einen Tag vor der Ankunft Wilhelms in Hannover, am 1. April 1764, findet eine Sonnenfinsternis statt, die die ganze Familie, im Hof um eine Wanne mit Wasser herum versammelt, beobachtet, während der Vater das Phänomen erklärt.1

In Anwesenheit ihres Lieblingsbruders wird Caroline am 8. April 1764 konfirmiert, aber schon eine Woche später reist er wieder ab. Isaak Herschel erleidet kurze Zeit später einen Schlaganfall, fährt aber nach Kräften mit seiner Arbeit fort. Bis zu seinem Tode am 22. März 1767 ist es hauptsächlich Caroline, die ihm Gesellschaft leistet und ihn pflegt. Die folgenden Jahre sind für Caroline nicht leicht. Ihr Bruder Jakob ist recht anspruchsvoll und scheint in ihr nicht viel mehr als ein Dienstmädchen zu sehen, und ihre Mutter hat absolut kein Verständnis für ihren Wissensdurst und ihr Streben nach Unabhängigkeit. Caroline wird erlaubt, waschen und Strümpfe stopfen zu lernen - das absolut höchste der Gefühle scheint die mütterliche bzw. Jakobs Zustimmung zum Besuch einer Schneiderschule zu sein (allerdings ausdrücklich nur im Hinblick auf den Eigenbedarf ). Immerhin begegnet sie hier einem jungen Mädchen, das viele Jahre später ihre beste Freundin werden soll, der zukünftigen Mme. Beckedorff.

Carolines größter, wenn nicht einziger Lichtblick in dieser Zeit ist ihr aufgeweckter jüngerer Bruder Dietrich.

In dem Maße, in dem Wilhelm Herschel sich in England als Musiker etabliert, fühlt er sich auch verpflichtet, seine Familie zu unterstützen. Als Organist der Octagon-Kapelle in Bath (seit 1767) und durch Unterricht in Schulen und auf Landsitzen in der Umgebung finanziell abgesichert, holt er nach und nach , wenn auch zum Teil nur vorübergehend, seine Brüder Jakob, Dietrich und Alexander nach England. Allein Caroline scheint ohne besonders erfreuliche Zukunftsperspektiven in Hannover festzusitzen. "Ich sah, daß mich all meine Bemühungen nicht davor bewahren würden, meinen Brüdern zur Last zu fallen; und ich war zu dieser Zeit zu stolz, mich dazu herabzulassen, eine Stellung als Zofe anzunehmen, als Gouvernante aber war ich wegen mangelnder Fremdsprachenkenntnisse nicht qualifiziert. Und ich vergaß nie die Warnung, die mir mein lieber Vater mit auf den Weg gab, der gegen jegliche Gedanken an eine Heirat einwandt, daß es, da ich weder schön noch reich sei, nicht wahrscheinlich sei, daß mir jemand einen Antrag mache, bis mich vielleicht, einst weit im Leben fortgeschritten, irgendein alter Mann wegen meiner guten Eigenschaften nehme."2

Mit der Rückkehr Jakobs und Dietrichs im Sommer 1769 wird Carolines Situation noch bedrückender. Der ältere Bruder scheint durch den jüngsten Englandaufenthalt noch anspruchsvoller geworden zu sein, und die Mutter stellt ein Dienstmädchen ein, mit dem Caroline ihr Bett teilen muß, da es sonst keine Unterbringungsmöglichkeit gibt. Alexander und Wilhelm drängen Jakob, die Schwester zu ihnen nach England zu schicken, um sie als Sängerin ausbilden zu lassen, aber nach anfänglicher Zustimmung macht er einen Rückzieher und hält seine Geschwister über lange Zeit hin. Caroline geht weiterhin ihren üblichen Aufgaben nach, bereitet sich aber auch auf die Möglichkeit ihres Weggangs vor: Wenn niemand zu Hause ist, imitiert sie, mit einem Knebel im Mund, die Solopartien von Konzerten (wie sie sie auf der Geige hat spielen hören) und ansonsten handarbeitet sie was das Zeug hält, um ihre Familie für Jahre im voraus mit einem Vorrat an Socken, Rüschen etc. versorgt zu wissen. Im August 1772 schließlich reist Wilhelm Herschel nach Hannover, um seine Schwester, notfalls auch gegen den Willen Jakobs, mit sich nach Bath zu nehmen. Den Widerstand der Mutter überwindet er, indem er ihr eine jährliche Zahlung zwecks Unterhalt eines Dienstmädchens verspricht.

Die ersten Jahre in England

Sofort nach der Ankunft in Bath beginnt Wilhelm damit, Caroline Gesangsstunden zu geben und sie, gemeinsam mit seiner nicht immer sehr kooperativen Haushälterin Mrs. Bulman, mit der Führung seines Haushalts vertraut zu machen (noch hat er Zeit für sie, da die Saison in dem Kurort erst im Oktober beginnt). Caroline schreibt später in ihrer Autobiographie: " Am zweiten Morgen, als ich meinen Bruder beim Frühstück traf, das um sieben Uhr oder eher stattfand (viel zu früh für mich, denn ich bleibe lieber die ganze Nacht lang auf als gezwungen zu sein, zu so früher Stunde aufzustehen), begann er sofort damit, mir eine Lektion in Englisch und Arithmetik zu erteilen und mir zu erklären, wie man über Einnahmen und Ausgaben Buch führt. Den Rest des Vormittags verbrachten wir hauptsächlich am Cembalo, wobei er mir zeigte, wie ich mit einem Knebel im Mund singen üben sollte. Zur Erholung sprachen wir über Astronomie und die herrlichen Sternbilder, die ich in den klaren Nächten auf "den Postwagen" während der Reise durch Holland kennengelernt hatte."3

Anders als im mütterlichen Haushalt ist Caroline bei Wilhelm auch für die Einkäufe zuständig. Mit einem Schaudern wird sie sich später an ihren ersten Marktbesuch im fremden Land erinnern, von dem sie mit nach Hause bringt, was sie in ihrer Angst ergattern kann, dabei heimlich von ihrem Bruder Alexander beobachtet bis sie wieder sicher auf dem Heimweg ist.

Ihren ersten Winter in Bath erlebt Caroline als bedrückende Zeit. Sie wird vom Heimweh geplagt, ihre Brüder haben aufgrund ihrer beruflichen Verpflichtungen kaum noch Zeit für sie und durch ihre unvollkommenen Englischkenntnisse ist sie von den Menschen in ihrer Umgebung isoliert. Darüber hinaus fühlt sie sich in der vornehmen Gesellschaft, in der ihr Bruder verkehrt, nicht sonderlich wohl, da sie sie als gekünstelt und unaufrichtig empfindet. Besonders für einige Damen der Gesellschaft findet sie recht harte Worte (und als ein für zwei Wochen geplanter Londonaufenthalt in Begleitung einer gewissen Mrs. Colbrook wegen starken Schneefalls um weitere vier Wochen verlängert werden muß, leidet sie sehr unter den nicht enden wollenden gesellschaftlichen Verpflichtungen und der drohenden Ebbe in ihrer Reisekasse, die sie zur Bittstellerin werden lassen könnte).

Neben ihren häuslichen Verpflichtungen arbeitet Caroline weiterhin an ihrer Ausbildung zur Sängerin und unterstützt außerdem ihren Bruder bei seiner musikalischen Arbeit, etwa indem sie Partituren kopiert. Im Jahre 1778 scheint sie am Ziel ihrer Wünsche angelangt zu sein: Sie ist erste Sängerin in den von Wilhelm geleiteten Aufführungen des "Messias" und des "Judas Makkabäus", und nach einer Vorstellung des "Messias" wird ihr für das nächste Jahr ein Engagement bei den Musikfesten in Birmingham angeboten. Caroline lehnt mit der Begründung ab, daß sie nur dort singen wolle, wo ihr Bruder der Dirigent sei. Neben der aufrichtigen Sorge um die Brüder spielt hier sicher eine Rolle, daß Caroline den entscheidenden Schritt in die Unabhängigkeit (und somit in die Unsicherheit einer neuen Lebenssituation) letztlich doch scheut.

Sie singt noch ein weiteres Jahr vor Publikum, hat jedoch immer weniger Zeit, um an der eigenen Stimme zu arbeiten, weil sie die Leitung des Soprans bei den Proben für die Oratorien, das Kopieren von Noten und die Unterstützung ihres Bruders bei seinen astronomischen Studien (die er 1773 aufgenommen hat) völlig in Anspruch nehmen.

Die astronomische Arbeit
Caroline Herschel als Assistentin ihres Bruders

Während Caroline noch an ihrer musikalischen Karriere arbeitet, zieht sich Wilhelm bereits allmählich aus dem öffentlichen Musikleben in Bath zurück, um mehr Zeit für die Beschäftigung mit der Astronomie zu haben. Im Frühjahr 1773 erwirbt er einen Hadley-Quadranten4 und eine Ausgabe von Fergusons "Astronomy"5 - der Beginn seiner ernsthaften astronomischen Arbeit. Zu dieser Zeit ist die wissenschaftliche Welt gerade dabei, sich die Newtonschen Gravitationsgesetze nutzbar zu machen. In Frankreich ist die umfangreiche "Mecanique Celeste" von Pierre Simon de Laplace (1749 - 1827) in Vorbereitung, in der gezeigt werden soll, daß der Mechanismus des Sonnensystems vom allgemeinen Gesetz der Gravitation ableitbar ist. Man kennt sechs Planeten (Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn) und konzentriert sich noch im wesentlichen auf das eigene Sonnensystem. Von Fixsternen weiß man, daß sie selbstleuchtend sein müssen, daß es Veränderliche gibt und daß man eine Eigenbewegung beobachten kann. Der Britische Katalog verzeichnet 3000 Sterne für beide Hemisphären und der von Herschel so geschätzte Ferguson hält die Anzahl der Sterne für " viel geringer als allgemein angenommen"6. Außerdem findet sich bei ihm noch die ptolemäische Vorstellung, die am Nachthimmel sichtbaren hellen Nebel seien Risse in unserer Sphäre, die den Blick auf die dahinterliegende freigeben.

Die umfangreichen und vielfältigen Forschungsarbeiten Wilhelm Herschels bringen die astronomische Wissenschaft seiner Zeit ein großes Stück voran. Aus seiner "systematischen Durchmusterung" des nördlichen Himmels, die er mit dem Ziel betreibt, möglichst viele Sterne mit ihrer Helligkeit und Position möglichst genau zu bestimmen und zu registrieren (und zwar mehrmals, damit Fehler korrigiert werden und Veränderungen nicht unentdeckt bleiben ), gehen zahlreiche Kataloge von Doppelsternen, Nebeln etc. hervor (bis Herschel mit seiner Arbeit begann, waren 150 Nebel bekannt bzw. registriert, in seinen Katalogen sind 2908 verzeichnet ), aber auch die Entdeckung des siebten Planeten Uranus am 13. März 1781 (von Herschel zu Ehren des englischen Herrschers zunächst Georgsstern benannt) ist letztlich ein Resultat der vorausgegangenen Fleißarbeit, an der Caroline einen ganz wesentlichen Anteil hat. Herschel selbst schreibt darüber im Rückblick recht selbstbewußt: " Es ist allgemein angenommen worden, daß es ein glücklicher Zufall war, der mir diesen Stern ins Blickfeld rückte; das ist ein offensichtlicher Irrtum. Bei der Regelmäßigkeit, mit der ich jeden Stern des Himmels untersuchte,... war er in jener Nacht eben dran, entdeckt zu werden."7 Ferner stellt Herschel Untersuchungen über die Parallaxe von Fixsternen an (wobei er "zufällig" echte Doppelsterne entdeckt, die um einen gemeinsamen Schwerpunkt kreisen), forscht über die Eigenbewegung der Sterne, auch des Sonnensystems, und entwirft eine Darstellung der Milchstraße, die er als eines von vielen Sternensystemen begreift. Bei ihm taucht die Idee vom Universum als Garten auf, in dem gleichzeitig die verschiedenen Lebensstadien der Pflanzen beobachtet werden können, und er entwirft Theorien zur Entstehung von Nebeln mit Hilfe der Gravitation. Daneben betreibt er Sonnenforschung (Periodizität der Sonnenflecken) und untersucht die Leuchtkraft des Sonnenlichts, wobei er die Infrarotstrahlung entdeckt. " Ganz nebenbei " entdeckt er 1787 die Uranussatelliten Titania und Oberon und 1789 die Saturnmonde Mimas und Enceladus.

Eine wichtige Voraussetzung für Herschels Entdeckungen sind seine hervorragenden Teleskope, die die der offiziellen Sternwarten bald übertreffen. Herschel mietet sich zunächst Teleskope, geht aber bald dazu über, sie selbst zu bauen, wobei ihm Caroline selbstverständlich tatkräftig zur Seite steht. Da die größeren Refraktoren schwer zu handhaben sind, wendet er sich bald der Arbeit an Spiegelteleskopen zu, nachdem er von einem Mitbürger in Bath die Grundlagen des erforderlichen Wissens und die nötigsten Materialien erworben hat. Die Experimente mit unterschiedlichen Legierungen (die Spiegel werden aus Metall gegossen und dann poliert) und die Herstellung immer größerer Spiegel entwickeln sich nahezu zur Besessenheit, über der Herschel alles andere zu vergessen scheint, zuweilen sogar das Essen und Trinken. Allerdings tragen die Aufträge über die Anfertigung von Teleskopen für wohlhabende Zeitgenossen bald auch zum Unterhalt der Familie bei, um den es nicht so gut bestellt ist, seit Wilhelm seine Arbeit als Musiker zugunsten der Astronomie immer weiter einschränkt. Die Krönung seiner Arbeit als Konstrukteur von Teleskopen ist wohl der Bau des sog. 40-Füßers (ca. 1787 -1789) mit einem Tubus von 12 m Länge und 1,5 m im Durchmesser.
...Fortsetzung folgt...

Britta Lohmann


1 The Herschel Chronicle, S.31

2 Constance A. Lubbock, The Herschel Chronicle, S. 45. Die hier und im folgenden angeführten Passagen sind Übersetzungen der Verfasserin.

3 Ebd. S. 50

4 John Hadley, 1682-1744, engl. Gelehrter, galt lange als Erfinder des Sextanten ("Oktanten"), entwickelte einen nach ihm benannten Quadranten

5 Ferguson, urspr. Schafhirte, Autodidakt, entwickelt mechanische Konstruktionen zur Darstellung der Planeten-bewegungen, erklärt astron. Phänomene mit einfachen Worten, von Georg III gefördert

6 The Herschel Chronicle, S. 61

7 Ebd. S. 78f


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© Die AVG Internet-Redaktion. Letzte Änderung: 26.10.1998