DIE NACHT DER NÄCHTE... (16. MAI 1998)

Es war mit Abstand die klarste Nacht, die wir in diesem Jahr bisher hatten. Aufgang des Mondes erst nach 01 Uhr. Und sogar ein Samstag. Da wäre es das Klügste gewesen, nach Lichtenhagen zu fahren. Aber da ich an dem Tag schon einige hundert Kilometer unterwegs gewesen war, wollte ich es nicht riskieren, auf der Fahrt nach Lichtenhagen einzuschlafen. Und so baute ich das Teleskop nur im heimischen Garten auf...

Als die ersten Sterne gegen 22.30 h erscheinen, bin ich einsatzbereit. Bis dicht an den Horizont reicht schon bald das Sternenmeer. So beschließe ich, zunächst einige südlichere Objekte anzusteuern. Ich beginne mit M 104, der Sombrero-Galaxie, die man am besten vom Raben aus sucht, auch wenn sie eigentlich zur Jungfrau gehört. Nachdem ich M 104 unter einigen Mühen zwei Tage vorher von Lichtenhagen aus gefunden habe, habe ich ihn dieses Mal gleich im Blickfeld. Bei 36facher Vergrößerung weisen mir die drei markanten, in einer Reihe stehenden Sterne direkt den Weg. Ich erkenne eine nebelige Struktur, die sich deutlich von der Umgebung abhebt, aber Formen kann ich nicht ausmachen.

Dann ist M 68 dran, unterhalb von b Corvi gelegen. Links (bzw. im umkehrenden Fernrohr rechts) neben einer kleinen Gruppierung von 3-4 Sternen finde ich das gewünschte Objekt. Bei großer Vergrößerung und indirektem Sehen ist er als Fleckchen gut zu sehen.

Nachdem ich alles bisher schnell und problemlos gefunden habe, will ich es auch noch mit 4361 versuchen, obwohl er als lichtschwach beschrieben wird. Fast in der Mitte des Sternbilds des Raben soll er liegen. Aber er muß wohl tatsächlich ziemlich lichtschwach sein, denn ob ich ihn tatsächlich gesehen habe, weiß ich nicht. Ich bin so frisch und wach unter diesem klaren Himmel, daß von Müdigkeit keine Rede mehr sein kann- wäre ich doch nach Lichtenhagen gefahren!

Nun verlagere ich meine Aktivitäten ins Gebiet der Jungfrau. 4697, recht einfach unterhalb von g zu finden, wird im Karkoschka als klein und strukturlos beschrieben, aber ich finde ihn ansehnlicher als erwartet. Nach und nach wende ich mich höheren Breiten zu, jetzt nämlich zu M 49. Diese elliptische Galaxie ist wirklich einfach zu finden. Man muß nur die Mitte zwischen d und e anpeilen, und die Mitte von g und h, auf dem Schnittpunkt der Linien befindet sich M49, genau von zwei hellen Sternen umrahmt. Es ist ein auffälliges Objekt. - Bei der Gelegenheit sehe ich mir auch 4526 an, knapp ein Grad daneben, eng zwischen zwei Sternen eingebettet.

Als ich das erste Mal auf die Uhr sehe, ist es schon nach Mitternacht. Die Sterne stehen schon weiter im Westen. Für den Virgo-Haufen muß ich mich beeilen, sonst steht mir bald ein Baum im Wege.

Von M 49 hangele ich mich mittels "Starhopping" gen Norden und gelange über drei hellere, in einer Reihe übereinander stehende Sterne zu M 60. Nachdem ich die Galaxis gebührend betrachtet habe, beginnen meine Probleme. Auf der Such nach M 59 und M 58 verliere ich die Orientierung und drifte umher, ohne auf eine der vielen Galaxien des Virgo-Haufens zu stoßen. Nur einmal meine ich, zwei nebelige Fleckchen dicht nebeneinander zu sehen- aber so eng stehen in diesem Bereich keine Objekte zusammen. Ich fluche also ein bißchen auf den Karkoschka, der zumindest für den Virgo-Haufen keine Ausschnittskarten bereithält, dann beschließe ich, mich einer anderen Himmelsregion zuzuwenden, anstatt noch einmal von M 49 von vorn zu beginnen.

Zunächst muß ich innehalten und die Pracht des Frühsommerhimmels genießen. Fast im Meridian schlängelt sich die Schlage herab, und tief im Süden steht der Skorpion. Im Osten ist der Schwan bereits vollständig aufgegangen, auch Atair im Adler strahlt schon hell. In Lichtenhagen könnte man jetzt sicher die Milchstraße sehen- von meinem Beobachtungsort aus wird sie jedoch von Göttingens Lichtern überstrahlt.

Allerdings wird mir nun doch kühl, ein sicheres Zeichen für beginnende Müdigkeit. Ich werfe noch einen Blick durchs Teleskop auf M 4, der hell und markant direkt neben Antares liegt. Als letztes bewundere ich M 80, ebenfalls ein leicht zu findendes Objekt.

Eigentlich hatte ich mir noch M 19, M 62 und M 6 vorgenommen, alle im Gebiet östlich vom Skorpion. Aber das war dann doch zu tief am Horizont, wegen Dunstes und Helligkeit ließen sich schwächere Sterne nicht ausmachen, die ich zum Anvisieren verwenden wollte. Hinzu kam ein nicht zu stillender Durst nach einer Tasse Earl-Grey. So packte ich gegen 1 h meine Ausrüstung zusammen, mit der Zufriedenheit, daß ich mir eine selten klare Nacht zumindest nicht ganz hatte entgehen lassen.

Christine Geisler


Zurück zur Nachtschicht-Online

Zurück zu AVG-Homepage


© Die AVG Internet-Redaktion. Letzte Änderung: 01.09.1998