TONIGHT'S THE NIGHT(?)!

Samstag, 16. Mai 1998, 16.45 Uhr: Das barmherzige "Klömpf" der Stechuhr setzt einer stressigen und frustrierenden Arbeitswoche das längst überfällige Ende. Da ich mich gestern abend noch kurz entschlossen dem spontanen Ausflug des AVG nach Lichtenhagen angeschlossen hatte, bin ich jetzt vollkommen erschöpft - und unglaublich stolz auf mich. (Wieder mal doppelt so lange gearbeitet wie in der Nacht zuvor geschlafen - das soll mir erst einmal jemand nachmachen!) Als ich das letzte Mal aus dem Fenster geschaut habe, war es wunderbar trübe, und die Erfüllung meines Traumes von einem geruhsamen Samstagabend scheint zum Greifen nah. Frisch geduscht, satt und zufrieden vor dem Fernseher einzuschlafen - ach, was kann es Schöneres geben! Selig Tagträumen trete ich ins Freie - und muß zu meinem großen Entsetzen feststellen, daß es schrecklich klar geworden ist.

Schon setzen die Gewissensqualen ein. Wie soll ich mich nur entscheiden, wenn das gute Wetter sich hält und für heute abend noch eine Beobachtungsaktion angesetzt werden sollte? Oh, Morpheus, wie gern würd's ich in deine Arme sinken! - Aber ich könnte ja etwas versäumen. Und überhaupt: Das Sternegucken gestern, ohne eigenes Teleskop, das war ja nichts Richtiges. So ein paar Photogen schnorren kann schließlich jede! - Andererseits: Was kann das heute abend schon werden, wenn ich völlig übermüdet über den Acker stolpere und mir schon beim Aufbauen die Augen zufallen? Wenn ich bei der Astronomie eines gelernt habe, dann auf alle Fälle dies, daß der Zahl der möglichen Pannen keine Grenze gesetzt ist - selbst wenn man topfit und ausgeruht ans Werk geht. Also sollte ich heute wohl doch lieber nicht...? Aber der Himmel ist wirklich unverschämt klar...!

Langer Rede kurzer Sinn: Nach einer Dusche, einem guten Essen und etwas Muße bin ich so weit wiederhergestellt, daß ich mich dazu durchringen kann, mich mit Matthias und Frank zum Beobachten in Lichtenhagen zu verabreden. Allerdings nehme ich mir ganz fest vor, die Sache locker anzugehen und meinen astronomischen Ehrgeiz in Anbetracht meiner schlechten Konstitution auf ein Minimum zurückzuschrauben. Was klappt, das klappt, und was schiefläuft, das soll mich heute nicht ärgern. Noch während ich meine Ausrüstung im Auto verstaue, spüre ich, wie meine Lebensgeister wieder erwachen und das vertraute "Klarhimmelkribbeln" von mir Besitz ergreift. Als ich schließlich an unserem Beobachtungsort eintreffe, wo sich die schwarzen Silhouetten der Büsche gestochen scharf vor dem gelb-orange-rot-violett entflammten Westhorizont abzeichnen, weiß ich, daß ich die richtige Entscheidung getroffen habe. - Aber immer schön mit der Ruhe und bloß keinen Streß!

Begleitet vom Gegaffel meiner Vereinskameraden, die einander nach dem Motto "Reim dich, oder ich freß dich" zusammengeschusterte "Beobachtungsweisheiten" zurufen, norde ich mein NP 80 L erst einmal in aller Gemütlichkeit ein. So, das soll für heute genügen. Nach über einem Jahr Pause könnte ich ja auch mein Motörchen mal wieder in Betrieb nehmen....Zwar habe ich es noch nie allein installiert, aber ich versuch's einfach mal. Hoppla! Das war nun die dritte Madenschraube, die sich äußerst erfolgreich ins hohe Gras verkrümelt hat, und meine Reserven sind aufgebraucht. Noch einmal kurz die Luft angehalten - der Motor sitzt! Ob die Batterien noch mitspielen? Wenn nicht, könnte ich ihnen das wohl kaum verübeln, nachdem sie schon einige kalte Beobachtungsnächte lang untätig in meiner Montierungskiste herumliegen mußten. So. Jetzt sollte meine Nachführung eigentlich Saft haben, aber außer einem kaum wahrnehmbaren Ticken ist nichts zu hören. Das war ja zu erwarten! Um mir zu bestätigen, daß die Batterien wirklich leer sind, drücke ich kurz die Taste für die 16fache Nachführgeschwindigkeit und - wusch - flitzt mein Teststern durchs Okular. Den Rest des Abends erfreue ich mich am vornehm-diskreten Geräuschlein meines Motors, das ich über all den treckerlauten Computersteuerungen um mich herum (auch der Herr mit dem eindrucksvollen 12-Zöller hat sich heute wieder in Lichtenhagen eingefunden) schon ganz vergessen hatte.

Ich starte meine Beobachtungstour mit epsilon Lyrae, dessen vier Komponenten sich schon im 12,5 mm-Okular (96-fache Vergrößerung) mehr als erahnen lassen und im 6mm-Okular (200-fach) ganz glasklar getrennt werden können (viel besser als am Vorabend in Pers größerem Gerät ). Dann geht's gleich weiter zum Ringnebel, und ich stelle wieder einmal mit Erschrecken fest, wieviel Licht durch eine höhere Vergrößerung geschluckt wird. Am besten gefällt mir M57 in meinem Teleskop denn auch im 25mm-Okular. Im Anschluß daran nehme ich todesmutig M51 in Angriff, obwohl die Galaxie fast genau im Zenit steht und ich in diesem Fall mit meinem langen Tubus schnell an meine Grenzen (sprich Stativbeine) stoße - aber selbst dieses verwegene Unterfangen soll heute von Erfolg gekrönt werden. Von Spiralarmen kann natürlich keine Rede sein (obwohl das Auge schwer versucht ist, die Verbindung zwischen den beiden Partnern herzustellen), aber die eigentümliche Form des Objekts ist in meinem 25mm-Okular schon ganz hervorragend zu erkennen. Beflügelt durch meine bisherigen Erfolgserlebnisse, werde ich nun vollends übermütig und wage mich an M 96, die Galaxie mit der Supernova im Sternbild "Löwe", die mich am Vorabend im 12-Zöller enorm beeindruckt hat. Tatsächlich glaube ich sogar, irgendetwas in der Art zu sehen, aber bei vorsichtiger Bewegung des Teleskops erkenne ich plötzlich drei (oder vier?) neblige Fleckchen, die einigermaßen zu meiner Desorientierung beitragen. Na, das lassen wir für heute lieber mal! Zwischenzeitlich peile ich noch einmal meinen alten Freund Albireo an, dessen zwei Komponenten in ihrer Verschiedenfarbigkeit immer wieder wunderschön anzuschauen sind. Heute fällt mir auf, daß sie bei geringer Vergrößerung (48-fach, mit dem 25mm-Okular) besonders gut zur Geltung kommen, da so einige "weiße" Sterne mit im Gesichtsfeld liegen, die die Farbkontraste noch hervorzuheben scheinen. Animiert durch die Begeisterungsrufe meiner Beobachterkollegen, die gerade NGC 4565 im Visier haben, wage ich mich nun meinerseits an die berühmte Edge-on-Galaxie im Sternbild "Haar der Berenike" heran. Vor Freude und Aufregung halte ich den Atem an, als das hauchzarte, spindelförmige Etwas in meinem 25mm-Okular erscheint. Ich habe sie selbst gesucht - und gefunden - und nun sehe ich sie, mit eigenen Augen, in meinem Teleskop, und was ich im Rahmen meiner Möglichkeiten erkennen kann, finde ich einfach faszinierend! Da kann es mich auch überhaupt nicht erschüttern, daß Frank und Matthias gerade über irgendwelche Strukturen im Staubstreifen der Galaxie fachsimpeln.

Ich beschließe, den Abend unter dem Eindruck dieser letzten Beobachtung ausklingen zu lassen, und mache mich in aller Ruhe ans Abbauen. Dankbar vernehme ich das noch immer wackere Tickern meiner Nachführung, die mir (natürlich in Verbindung mit der, ähem, recht ordentlichen Einnordung des Teleskops) das Beobachten heute nacht unglaublich erleichtert hat. Dazu der klare Himmel... - das war wirklich eine Nacht, wie es sie im Leben einer Amateurastronomin nur selten gibt! (Und mit etwas Müdigkeit, drei Madenschräubchen und einem leicht ausgekühlten Hinterteil war sie wirklich billig erkauft.)

Britta Lohmann


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© Die AVG Internet-Redaktion. Letzte Änderung: 01.09.1998