Praxis: Einnordung mit dem Telrad am 8" SCT

Besitzer einer parallaktischen Montierung mit eingebautem Polsucher stellen ihre Stundenachse ein und nicht die Frage: "Wie kriege ich die Polachse optimal ausgerichtet?" Wer z.B. ein gabelmontiertes Teleskop besitzt oder eine deutsche Montierung ohne Polsucher, der wird in der Regel die Scheiner Methode (dauert etwas lange, je nach Anforderung) anwenden, oder kann versuchen, mit dem Telrad den wahren Himmelspol zu ermitteln. Mit etwas Übung ist letzteres recht genau und schnell getan. Ich setze voraus, daß der Beobachter im offenen Feld Stellung bezogen hat und es ihm um eine schnelle + genaue Ausrichtung geht. Da ich selber eine Gabelmontierung besaß, habe ich die beschriebene Methode oft angewendet um brauchbare Ergebnisse, z.B. zum Fotografieren oder zum Auffinden von Objekten durch Einstellen nach Koordinaten, zu erzielen. Abb.1 zeigt aus der Uranometria 2000.0 einen Ausschnitt:

Folgende Vorgehensweise empfiehlt sich:

Schritt

  1. Stativ mittels Wasserwaage ausrichten
  2. Gabelmontierung und Tubus grob parallel stellen und ungefähr nach Norden richten
  3. Ein langbrennweitiges Okular verwenden und nur durch Drehen der Polhöhenwiege (zentrale Befestigungsschraube leicht lösen) und nur durch Verstellen der Polhöhenneigung Polaris grob zentral in das Gesichtsfeld des Okulars schwenken. Danach ein Fadenkreuzokular einsetzen und Polaris genau zentrieren. Überprüfen, ob sich Polaris ebenfalls zentral im Telrad befindet; ggf. Telrad justieren.
Polaris ist der hellste nördliche Stern nahe dem Pol und wandert, durch seine Polnähe bedingt, nicht so schnell aus dem Gesichtsfeld, deshalb ist Polaris dazu geeignet,ein nicht eingenordetes und mit ausgeschaltetem Motor aufgestelltes Fernrohr zu benutzen, um den Telrad zu justieren. Wird dicht vor den Telrad ein kleines Sucherfernrohr geschaltet (siehe Abb.4, das kleine Standard 6 x 30 ), so werden die Telradkreise zusammen mit den Sternen aus Abb.3 sichtbar. Das Potentiometer sollte so eingestellt sein, daß die Telradkreise gerade noch sichtbar sind. Es ist nicht notwendig, daß das Sucherfadenkreuz mit der Telradmitte zusammenfällt; jedoch sollte der 2° Kreis bequem sichtbar sein. Ziel ist es, nachdem alle Justierschritte abgeschlossen sind, die beiden schwachen Sterne auf den 2° Kreis zu stellen und an dessen Innenrand laufen lassen zu können, während sich Polaris immer innerhalb des 2° Feldes befindet.

4: Bei diesem Schritt können u.a. technische Mängel und Schwachpunkte einer Gabelmontierung sichtbar gemacht werden; z.B. Mißweisung der Gabelarme aus der lotrechten Position zum Motorblock oder besser: der Stundenachse, Mißweisung der Achsstummel zur Senkrechten der Gabelarme... . Also, nachdem die Schritte 1-3 den Telrad justiert haben, wird der nächste Schritt (hoffentlich) die Ausrichtung von Tubus und Gabelarmen parallel zueinander zur Folge haben. Leider sind werksmäßig keine Anhaltspunkte dafür gegeben. Mit einem langbrennweitigen Okular wird bei gleichzeitiger Beobachtung von Polaris die Stundenachse hin und hergedreht. Wahrscheinlich wird der Stern in irgendeine Richtung auswandern und dabei einen mehr oder weniger flachen Bogen beschreiben. Sollte Polaris im Zentrum des Okulars verbleiben- Glückwunsch! Auch eine kleine Ellipse oder ein Kreis sind schon das Optimum und nicht mehr verbesserungsfähig. Ich habe immer ein 30 mm Okular verwendet und erhielt eine elliptische Figur bei Drehung der Stundenachse. Aber die Regel ist leider, daß beim Drehen der Stundenachse Polaris aus dem Gesichtsfeld verschwindet. In diesem Fall wird die Deklinationsschraube um einen geringen Betrag (z.B. 1/2 Knopfdrehung) verstellt und 4 wiederholt. Als Folge wird die Dauer, in der Polaris im Gesichtsfeld verbleibt (während gleichzeitiger Drehung der Stundenachse), länger oder kürzer. Verschlechtert sich das Ergebnis, muß die Deklination in Gegenrichtung geschraubt werden. Die Beobachtung zeigt :

  1. Verbesserung (Stern bleibt beim Drehen lange im Gesichtsfeld)
  2. Keinen Effekt (Stern bleibt beim drehen auf der Stelle - sehr gut!, sofort Schritt 5)
  3. Verschlechterung (Stern wandert schnell aus dem Gesichtsfeld)
Tritt Fall 1+2 ein, ist die Schraubrichtung der Deklinationsschraube richtig erkannt, und im Fall 3 erkennen wir, daß wir gegenläufig schrauben müssen. Meistens wird der Stern nur bis zu einem gewissen Grad justierbar sein, weil:
  1. Polhöhe
  2. Meridianrichtung
  3. Ausrichtung Gabel/Tubus noch nicht präzise ausgerichtet sind.
Im nächsten Schritt werden a+b in den Justiervorgang miteinbezogen. Auch hierbei wird das Auswandern des Sterns beobachtet (4) und die Korrektur durch kleine Verstellbeträge der Polhöhenneigeplatte für a) und der Meridianrichtung durch kleine Verstellbeträge an der Polhöhenwiege verbessert.

Man kann während der Drehung der Stundenachse auch den Telrad benutzen; Ziel ist es, in diesem Schritt Polaris beim Verdrehen zentral im Okular zu halten (oder zentral im Telrad). Wandert Polaris nicht mehr aus, bedeutet das, daß wir unsere Polachse exakt auf diesen Stern ausgerichtet haben.

5: Der abschließende Schritt richtet die Polachse sofort auf den wahren Himmelspol. Und zwar, wie oben schon angedeutet, wird nur die Polhöhenwiege und die Polhöhenneigeplatte so verstellt, daß sich Polaris und die beiden Sternchen 6m wie in Abbildung 3 im Telrad darstellen. Nein, nicht wörtlich nehmen, sondern in irgendeine Position fahren, die der Abb. 3 entspricht. Schrauben anziehen - fertig!

Wird jetzt die Stundenachse verdreht, kann man unter gleichzeitiger Beobachtung durch das Sucherfernrohr feststellen, wie die beiden Sternchen auf dem 2° Kreis laufen - der Himmelsanblick dreht sich um den Pol.

Aufmerksame "Einnorder" werden festgestellt haben, daß es sich bei der von mir vorgestellten Methode um eine Art "Quickscheiner" handelt, die je nach Mißweisung ca. 15-20 Min. in Anspruch nimmt.

Geht aber auch schneller!

Noch ein Tip zu Schritt 4:

Das Parallelstellen von Tubus und Gabelarmen läßt sich auch am Tag durchführen. Hierfür senken wir die Polhöhenneigeplatte so weit ab, bis ein markantes Landobjekt z.B. Kirchturmspitze o.ä. erreicht werden kann. Das Objekt sollte schon einige Kilometer entfernt sein. Haben wir - wie unter Schritt 4 beschrieben - unsere punktförmige Rotationsfigur gefunden, markieren wir an einer Stelle Gabel / Tubusübergang diese Position z.B. mit einem flexiblen Metermaß, das nach dem Aufkleben mit einem Teppichmesser mittig längs zerteilt wird. Dadurch erhalten wir eine Art Nonius, der des Nachts nur genullt zu werden braucht und uns so Schritt 4 erleichtert. Sicherlich - ich gebe zu, das liest sich vielleicht für manche/n alles sehr problematisch und erscheint für die Praxis sehr umständlich umzusetzen. Ich habe meine praktischen Erfahrungen mit dieser Methode erzielt und empfehle, sie Schritt für Schritt anzuwenden und sich zu vergegenwärtigen, welchen Stellenwert jeder Schritt in der Praxis hat. Am Fernrohr funktioniert das in sich logisch aufgebaut fast von selbst.

Frank Teske


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© Die AVG Internet-Redaktion. Letzte Änderung: 28.02.2000