Foto oder Zeichnung?

Der frischgebackene Eigner eines Teleskops ruft es längst: "Wie kann ich'n das fotografieren?"

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Der Schritt zur Dokumentation beinhaltet den Wunsch, das Beobachtete festzuhalten, vorzuzeigen, zu vergleichen, um daraus Schlüsse ziehen zu können. Foto - Zeichnung - CCD? Meistens ist es so, daß dieser Frage streng geradeaus verlegte, aber leicht(?) verfolgbare Schienen vorausgehen. In der durch die Fachmedien längst in die Köpfe propagierte und dadurch festgelegte Handlungs-, Kauf- und Materialschemata gestatten es fast und ausschließlich von selbst, daß dieses Ziel nur mit Hilfe von Kamera oder CCD erreicht werden kann. Dem weniger ausgerüsteten Amateur zumeist der beginnende Amateur - bleibt dem Anschein nach das Tor zur Dokumentation seiner Beobachtungen und einer damit in Aussicht gestellten, erfolgreichen Auswertung vorerst verschlossen; ja, nicht einmal die Freude über eine gelungene Beobachtungsnacht mit 2 oder 3 Zeichnungen kann deswegen zu einem späterem Zeitpunkt erlebt werden. Nur wenige bleistiftfeste Astronomen unterweisen den Einsteiger in diese wenig materialintensive, aber hocheffektive Richtung. Der Beginner hat mit einer von ihm erstellten Zeichnung vom Start weg an ein Kontrollinstrument in der Hand und mit diesem kann er den Fortschritt der erlernbaren Fähigkeit zum teleskopischen Sehen selbst verfolgen, seine Dokumentation ausbauen und schlüssig mitteilen - ohne High-Tech Supermontierung und Spezialwissen. Gewissermaßen nur mit der Erstausstattung. J

Keine Kamera der Welt und kein supergehyperter Film wird ihn nach und nach an die Grenzen seiner naturgegebenen Möglichkeiten zur Wahrnehmung schwächster Objekte führen und mit ihnen vertraut machen. Es sind doch letztendlich unsere Augen, die uns den Großteil unserer Beobachtungszeit live am Okular die Faszination Astronomie erleben lassen. JJ

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Schöne Bilder in der einschlägigen Fachpresse und auch damit verbundene Hinweise auf das Know How bereiten oftmals zuerst den Weg zur Fotografie; sind es denn auch oft die Astrokollegen, die mit allerneuesten Fotos aufwarten und in der Tat mit Tips und Rat dem angehenden Astrofotografen beistehen. So sie denn nicht einer Art von Wettbewerb unterliegen, gelegentlich ihr Erscheinungsbild einer Gruppe Gleichgesinnter mit den Worten " Was seid ihr denn für ein lahmer Verein, ich habe soundsoviel Fotos von mindestens, wenn nicht noch mehr, gemacht! " aufzeigen, und damit einen Zustand von Dokumentationswettbewerb erzeugen wollen, der vielleicht einen Platz in einer olympischen Disziplin hätte...

L

Schnell sind die ersten Fotos gemacht, der 35mm Paparazzo lechzt nach mehr Brennweite, - weil die Andromeda ja so klein abgebildet ist und das 35mm Fotoobjektiv so komische Dreiecke macht. Also, den Brenner vergrößern. Und vor allem einen besseren kaufen.

Spätestens an diesem Punkt fängt die Sache an auszuufern.....und der Beginner wird (s.o.) von der einschlägigen Fernrohr- und Optikindustrie auf den Weg gebracht.

Aber: Etliche Meter Film, die nie Photonenkontakt hatten, viele Male endlich das Stativ auf den richtigen Acker gekarrt - leider zum falschen Zeitpunkt-, wieder nicht ins Himmelsjahr geguckt: Mond zu schnell da, Sterne flimmern wie verrückt, Wind weht wie Orkan, irgend ein Idiot kam mit Fernlicht, Drahtauslöser vergessen, 3viertel Stunde mit 500stel Sek. zu belichten versucht, erstes Bild wurde nicht weitertransportiert, die Batterie der 1500 DM teuren Fudschicanonenminolte von Leica hat nach 8 min. Belichtungszeit schlappgemacht. Jetzt erst recht! Und irgendwann endlich wird die Ausschußquote auf 90% herunter gedrückt sein (sagen die Profis)....und die Beobachtungskapazität auf Null.

Also: Weitermachen lautet die Devise; irgendwann sind auch diese letzten 1000stel geglättet..

Ich habe ein "Abteil Fotografie" reserviert und hatte anfänglich Schiffbruch erlitten. Eine bekannte russische Kameramarke hat es mir fast unmöglich gemacht, so'n bißchen Stück Film vernünftig zu beleuchten. Kurzum, jede/r Astrofotograf/in wird Lehrgeld zahlen müssen. Das ist auch gut so, denn schließlich ist es die eigene erlebte Erfahrung, die den Weg aufzeigt.

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Aber hier hallo: Die Rettung ist nahe! Leistung und Qualität wird in Festplattenkapazität gemessen und das erste, richtige sichere Gefühl entsteht, wenn der Arbeitsspeicher im Megabyte Bereich in der Lage ist, die ausgelesenen Photonen des CCD-Chips in Dezi- Bruchteilen von 4 Stunden nach Belieben zu vektorisieren. Und wir wissen, daß unsere viele Kilomark teuer investierten Gerätschaften es uns ermöglichen, Einblicke in die Geschehnisse des Kosmos zu werfen, dessen Ansichten bis vor einem Jahrzehnt nur den großen Observatorien vorbehalten waren. Vorausgesetzt, wir stehen wieder zum richtigen Zeitpunkt auf dem richtigen Acker; mit genügend Reststromkapazität in der Autobatterie für den Start bei

-12C... Ach ja, da ist noch die Sache mit dem Fokussieren, die leicht zu einem Geduldspiel ausarten kann und um nicht zu vergessen: Einige besonders eifrige Chipquäler sind der Ansicht, daß sie im Dustern allen anderen anwesenden Beobachtern mit hell erleuchtetem Bildschirm schon von weitem mitteilen müssen - HIER WIRD die CCD GEMACHT - Also, seien wir hier besonders vorsichtig, denn sehr leicht kann in der Dunkelheit, geblendet von 12V Bildschirmen, eines der vielen, vielen Kabel übersehen werden und ruck zuck stehen wir in der Finsternis!

K

"Mach doch mal' ne Zeichnung!" So tönte es in mir, wenn ich viele 3/4 Stunden lang das Fadenkreuz auf den Leidstern hielt. Und ich nur wenige brauchbare Ergebnisse erhielt. Und noch weniger in interessanten Himmelsgegenden spechteln konnte.

Ja, aber ich kann doch gar nicht zeichnen! Außerdem weiß ich gar nicht, wo ich? da anfangen soll! Und überhaupt kann ich mir auch die Zeichnungen von anderen angucken, die sowieso schöner sind und erstens kann ich das andere Auge nicht so lange zuhalten und Fotos sind schöner und wertvoller und M Fufftidreiundschwächelt sah gestern auch so aus! Und mit so was hab ich nix am Hut. LDMMN

Leichtfertige Lippenbekenntnisse, die häufig von Leuten ausgesprochen werden, die noch in der Lage sind, per Hand aufeinanderfolgende Sätze durch einen simplen Punkt voneinander zu trennen. Und sieht man sich die Papierrudimente in deren unmittelbaren Telefonumgebung an, so lassen sich die komplexen Kritzeleien leicht Kunstobjekten zuordnen.

Die o.g. Argumente sind wohl als Folge dessen anzusehen, daß astronomisches Zeichnen eher dem Altmodischen angesiedelt ist und dem in der wirtschaftlich orientierten und technisierten Welt nur ein geringfügiger Stellenwert beigemessen werden (darf?) kann. Ästhetisch eher schwach(?), nicht in Farbe und mit allerlei denkbaren subjektiven zeichnerischen Fehlern des Beobachters versehen -in wissenschaftliche Nähe gerückt anscheinend völlig wertlos- präsentieren Zeichner mit einer durch Kontinuität erzielten Dokumentation Ergebnisse, die von keinem Observatorium und Hubble Space Telescope gewonnen werden. Nachvollziehbare Beobachtungsprogramme auf der Grundlage von Zeichnungen versetzen andere Beobachter innerhalb kürzester Zeit in die Lage, Beobachtungen zu überprüfen, zu verfolgen, zu ergänzen und gegebenenfalls auf einen wissenschaftlich verwertbaren Stand zu heben.

Irgendwann, das Teleskop war längst angeschafft, die Zeiten binokularen Sehens vorbei- Jupiter mit 2 Bändern und Zonen gesichtet und der Schütze stand in der Kulmination, suchte ich wild in diesem herum und entdeckte ein kleines Nebelchen, von dem ich bis heute nicht weiß, was es war. Tja Pech gehabt! Der Nemec-Teilkreis meiner damaligen Gabelmontie-

rung hatte mir wohl einen Streich gespielt, oder waren die langfristigen Schlechtwetterperioden daran schuld, daß ich schlichtweg vergessen hatte, welche der beiden Skalen meines Teilkreises für die Nord oder für die Südhalbkugel zuständig waren? Zeitaufwendige Telefonate, Sternkartenausdrucke, nervige Fragereien, unbefriedigende Auskünfte waren die Folge. U.a. die Anschaffung der Uranometria Nord und Süd sowie der dazugehörige Deep Sky Field Guide. J Und vor allem Bleistifte (2H, Hb, 2B 4B, 6B, Papierwischer). Und vorgefertigte Zeichnungsprotokolle. Und Rotlicht, low power versteht sich von selbst.

Nix mit Computer und Datenabruf: Position, Helligkeit, Positionswinkel und bis zu 99 Objekte im 20 Radius....

Die erste Zeichnung war ein Nebelchen aus dem Schützen und sah aus wie ungefähr eine Art von dicker Eins mit Sternpünktchen drumherum. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur den Karkoschka als brauchbare Orientierung und die damals noch AAVG genannte Vereinigung an der HCA. Auf meine Frage hin meinte Oldcrack Matthias: "Sieht aus wie M17, der Schwannebel. Ich bringe Dir 'mal eine Zeichnung von mir mit.." Und siehe da, eine Identifizierung war ohne Angabe von Dek. und Rek. und PC und CCD und call-tiwi und Sternkarte und Fotoshop möglich geworden. J

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Eine Zeichnung anzufertigen bedeutet: in erster Linie sich mit dem zu zeichnenden Objekt auseinanderzusetzen. Proportionen, Umrisse, Helligkeiten, Größen und Lagen sind zu ermitteln, und um einen nachvollziehbaren Wert zu erhalten, muß hierfür ein Standardprotokoll angefertigt werden. Wechselndes Seeing und durchziehende Dunst- oder Wolkenbänke sowie geringfügige Streulichterscheinungen, z. B. bei Deep-Sky-Objekten, spielen für die Anfertigung der Zeichnung nur eine untergeordnete Rolle. Aber gnadenlos bildet der Film jede Schwäche des Himmels mit ab, während das Auge in der Lage ist, Momente schlechten Seeings auszugleichen. Bildbearbeitete Ansichten von Jupiter oder Saturn, -gewonnen mit CCD- sind in Farb- und Kontrastgebung oftmals der Wirklichkeit weit entstellt. Der computererfahrene Bildbearbeiter ist sicherlich hochqualifiziert um sein Bildbearbeitungsprogramm bis zum letzten kontrastverstärktem Photon auszuquälen, nur frage ich mich oft, welches künstlerische Objekt da wohl gemeint war und ob der Bildbearbeiter schon 'mal durch ein Teleskop geschaut hat...

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Es soll nicht der Eindruck entstehen, daß ich eine Stimmungsmache gegen Digital- und Chemieknechte verbreite, aber es wäre schön, wenn dieser Artikel all jene erreicht, die bisher durch Werbung, Unwissen und Täter aus den eigenen Reihen, CCD und Kamera für die einzige Möglichkeit der Dokumentation hielten. Und im nachhinein zu dem Schluß kommen, daß astronomisches Zeichnen einen ebenbürtigen Platz hat und für uns eine Möglichkeit mehr darstellt, die Faszination der Astronomie und den Spaß daran erleben zu lassen.

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Frank Teske


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© Die AVG Internet-Redaktion. Letzte Änderung: 17.04.1999