STERNWÄRTS MIT ACHT ZOLL EßZETE

Betrachtung

Irgendwo, weit entfernt außerhalb des Milchstraßenzentrums gelegen, befindet sich ein kleines und unscheinbares Sonnensystem inmitten des Orionarms. Das kleine gelbe Zentralgestirn mit erreichter Halbwertszeit und von durchschnittlicher Größe bescheint ein System von Planeten, dessen größter Massenanteil von riesigen wasserstoffhaltigen Gasplaneten herrührt. Der dritte Planet wird von einer Intelligenz mit ausgeprägtem Hang zur Mobilität und Eroberung bewohnt und hat die 6 Kontinente großräumig bevölkert. Luft, Land und Wasservorräte werden von ihr erfolgreich verschmutzt, vorhandene Bioressourcen rücksichtslos geschändet, - und es gab keine Zeiträume, in denen sich die Bewohner nicht irgendwo gegenseitig bekriegten. Wissenschaft und Technologie sind im Anfangsstadium begriffen und schaden global und für längere Zeiträume betrachtet dem Planeten mehr, als daß die Bewohner einen effektiven, längerfristigen Nutzen ihrer Anwendung hätten. Raketen, die mit Fahrzeugen und Sonden bestückt sind, werden zu fernen Planeten ausgeschickt - aber ein Mittel gegen Schnupfen wurde noch nicht erfunden, und entgegen allen Behauptungen werden Mercedes und Ferrari kein Formel 1 auf dem Mars austragen. Einige wenige Bewohner hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die Heimatgalaxie und weit entfernte Milchstraßensysteme zu erforschen. Dies geschah mit Hilfe eigens dafür entwickelter Photonenverstärker, die regelmäßig an dunklen Orten zur Anwendung kamen.

Seit der Entstehung des Planeten wurde dieser regelmäßig von großflächigen Wolkensystemen überzogen, was der Beobachtung des galaktischen und interplanetaren Raumes natürlich sehr hinderlich war.....

Izeha und die Sterne

Am Sonntag, den 18.10.98 geben die ewigen Wolken dieses Planeten endlich den Blick auf die Milchstraße frei. Ein kleines rotes Mutterschiff mit veraltetem, ottomotorischem Antrieb und geringem Wirkungsgrad, faßte Fracht und Futter, und der Commander fliegt mit allerbester Laune Richtung Lichtenhagen, navigiert unbehelligt an einer mit modernstem Handradar ausgerüsteten Raumpatrouille vorbei, und findet alte Start und Landeplätze einsam, dunkel und H2O-verseucht vor. Nun denn, die Außenbeleuchtung wird auf Rot geschaltet und das übliche Startprocedere beginnt. Nachdem Izeha die Startkonfiguration aufgebaut und sämtliche Treibstoffleitungen und den Controller SkySensor 2000 geschaltet hatte, warf Izeha noch einen letzten Blick in die umgebende Dunkelheit, die erfüllt war von einer Vielzahl undefinierbarer Geräusche. Jetzt aber nix wie weg. Der Controller wird eingeschaltet und die Motoren laufen emissionsfrei an, mit leisen Knackern, bereit für high speed. 3 Ziele müssen für den Ausgangs- punkt dieser Reise initialisiert werden und Izeha wählte den 5ten Planeten dieses Sonnensystems als erstes Referenzobjekt. Mit leichter Lichtgeschwindigkeit wird der Anblick des riesigen, 650 Mill. km entfernten Gasriesen in Sekundenschnelle erreicht. 167-fach vergrößert gegenüber dem normalen Anblick zeichnen sich Bänder und Zonen ab, aber Izeha hatte heute keinen Blick dafür; wollte raus aus der Milchstraße. Ein Telradar wird zugeschaltet und Nunki im Sternbild Schütze- 200 Lichtjahre entfernt- sicher abgespeichert. Jetzt waren noch schlappe 65 Bogengrad bis zur Vega zu überbrücken. Mit Hyperlichtgeschwindigkeit ließ sich das nicht mehr schaffen und deshalb schaltete Izeha um auf Kjudschi ähs emm (Quantenjumpspeedmodus). Leise und anmutig lächelte A. Einstein herüber. Die 13 Sekunden andauernde Bewegungs- anomalie des Photonenverstärkers während des Objektwechsels erwiesen sich als nicht störend.

Geschafft!

- dachte Izeha, als das Ini-Programm des Controllers den 3ten Ref.-Punkt auf der Anzeige bestätigte und gleichzeitig eine entfernte, akustische Subraumanomalie von der Ankunft eines fremden Transporters kündete. Ein kurzer Schalterschub aktivierte einen roten low power Warnlaser in N-W Richtung und schickte eine optische Freund/Feind-Kennung in die Dunkelheit aus. Bordeigene, manuell zu bedienende Distanzwaffen (schwere Oberflächendeformierer, sowie leichtflüchtige, hochwirksame Kontakt- und Inhalationsgase zur Kontaminierung beweglicher Ziele, Dauerphotonenstrahlhandgeräte und ein Schweizer Injektionsgerät mit einseitig geschliffener Filettierungsvorrichtung aus Edelstahl) wurden schnell wieder heruntergefahren. Nagelige Antriebsaggregate verrieten ein Zockelschiff der Emmer-Zedes Klasse und der Pilot reduzierte weit vor der Ankunft seine frontseitige Photonenemission.

Schwein gehabt!

Unter Zuhilfenahme einer im roten Frequenzspektrum emittierenden Lichtquelle scannte Izeha im optischen die Form und Oberfläche des Neuankömmlings, und gleichzeitig erkannten körpereigene Geräuschanalyzer Uwe Helten. Nach der Landung löschte Uwe seine Fracht und brachte einen sperrigen 4 Zoll Fraunhofer Refraktor in Spechtel-Position, was zu einer großräumigen Blockade des Landegebiets führte.

Die Beobachtungen

Mittlerweile hatte ich die Vega verlassen, beschrieb eine leichte Kampfkurve und sah die Beta Lyr als Mehrfachsystem und wechselte zu Epsilon Lyr, die sich im 8 Zoll SC als schwierig zu trennendes Objekt erwies. Möglicherweise verursachte die Beheizung der Photonenein- trittsbereiche lokale Seeing-Effekte. Im 4Zoll FH war leicht Schwarz zwischen den Komponenten zu erkennen. Ab zum M57, der als kleiner Ring im Raum hing. Das kleine Sternchen an der Außenringkante war leicht auszumachen und hin und wieder blinzelten kleine schwache Pünktchen im Ring, derer ich mir nicht sicher war. Weiter zu M27, der fast hell bei 100- fach blendete. Den habe ich schon oft gezeichnet, aber erst in diesem Jahr sind mir schwache Sternchen blickweise und bei indirektem Sehen innerhalb der Nebelstruktur aufgefallen. Weitere Raumschiffe mit Fracht und Passagieren trafen ein. Uwe Nolte, Matthias Elsen, Erwin Vorlaufer und Ulrike Schwab orderten Aufenthaltsgenehmigungen und erweiterten die Beobachter- zusammenkunft. Nun hatten meine Augen optilmale Empfindlichkeit erreicht und ich lenkte meine Aufmerksamkeit auf den Cirrus Nebel, der mir mit Deep SKy Filter bei 67x Details offenbarte. Am besten gefällt mir der westl. Teil, der in einer sehr markanten Spitze endet. Bogenförmig zeigten sich die östlichen Teile bei 67x. Auch ohne DS Filter sind diese Regionen zu sehen. Die N-S mittleren Bereiche des Nebel blieben mir verborgen. Auch 2 in der Nähe liegende Plan. Nebel von Perek und Kohoutek konnte ich nicht auffinden. Dafür konnte ich einen Teil von NGC 7000 - den Nordamerikanebel - visuell +mit DS Filter abfahren, und mir fiel ein, daß ich doch dem Pegasus einen Besuch abstatten sollte.

Erkennen und Zeichnen

Ein Blick in den Karkoschka, NGC7331 in den Computer gehackt und schon stand die Galaxie im Gesichtsfeld. "Da in der Nähe steht Stephans Quintet", rief Matthias und ich orderte aus der Uranometria NGC7320, die hellste der 5 Nebelchen (12:m6). Da starrte ich nun eine Zeitlang auf schwache Sternpünktchen, indirekt und mit kleinen Fernrohranstößern (fieldsweeping) und sah lange nix, bis mir auffiel, daß bei einer Gruppe markanter Sternchen ab und zu ein schwaches, längliches Helles blinzelte. Matthias meinte nach Überprüfung "kann sein, oder auch nich..". Also zeichnete ich den schwachen Teil meines markanten Gesichtsfeldes und konnte zu Hause einen Vergleich mit einer Zeichnung aus Interstellarum #12, S.44, 45 vornehmen, der mich nur halb zufrieden stellte. Aber am Montag konnte ich in Lichtenhagen noch vor erneuter H2O- Emission mit 67x eine definitive Sichtung klarstellen! Eine an diesem Abend angefertigte Zeichnung von NGC7331 offenbarte noch eine Begleitgalaxie östlich des Kernbereichs, die sich als NGC7335 herausstellte und eine Flächenhelligkeit von 13,m3 besitzt (Quelle: is12, S.43, 45)

Vereiste Optiken und Müdigkeit und vor allem die Tatsache, daß außer mir alle Anwesenden am nächsten Morgen zur Arbeit mußten, ließen nach und nach das Teilnehmerfeld schwächeln und schwinden, bis ich wieder allein war.

Kameraeinsatz

Nachdem sich M1 erneut als flächig und strukturlos, etwas schwächer als M27 erwies, hatte ich M45 mit einem 135mm-Objektiv und 400er Photonenfänger im Visier. Die periodische Fehlerkorrektureinrichtung des Bordcomputers erwies sich nach 10min. als äußerst praktisch. Während der 40min. Flugzeit waren nur wenige Korrekturen von Hand notwendig, und ich konnte zwischendurch Kaffee trinken und Essen fassen. Interessanterweise hatte ich auch dieses Mal wie schon so oft versucht, mit einer 500stel Sek. ein astronomisches Nachtobjekt abzubilden. Aber meine Reaktionszeit hat sich verbessert! (von einer 3/4 Std.? 3Sek.) Das Identifikationsprogramm des Computers zeigte viele offene Sternhaufen in der Umgebung an. Ein Sprung zu M42, und der blendete wie üblich, aber die 5. Komponente des Trapezes war heute nicht aufzufinden - Orion schwächelte eben noch weit vor der Kulmination stehend. Zeta Orionis blendete heftig - wenn man den Pferdekopf sucht. Ich konnte nur die hell/dunkel Grenze bei 67x als strichförmiges Gebiet ausmachen und stellte eine Unzahl von Reflexen - ausgelöst durch die Verschmutzung der optischen Endkonfiguration - fest. Raum und Zeit waren in Richtung Winter fortgeschritten und 2Uhr40' sollte den Heimweg ebnen. 40 Mill. Lj entferntes Galaxienhopping hat es in sich!

Müde und zufrieden erreichte ich die Heimat. Zum Abschlußprozedere einer Feldexkursion nehme ich Teleskop, Montierung und Okulare mit ins trockene. Okulardeckel werden abgenommen und betaute optische Flächen abgeföhnt. Desgleichen verfahre ich mit Teleskop und Montierung.

Gute Nacht Sterne, hallo mein Bett! - Bis zum nächsten Mal - Frank Teske


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© Die AVG Internet-Redaktion. Letzte Änderung: 14.02.1999