FPG-VORTRAG VON EDGAR WUNDER ZUM THEMA ASTROLOGIE AM 8.12.1998

Während sich mir bereits beim Schreiben des Wortes "Astrologie" die Feder sträubt, hat Edgar Wunder hingegen mit der Astrologie keine Probleme. Sein Vortrag zeichnete sich dadurch aus, daß er sehr sachlich und ohne jede Vorurteile an dieses Thema heranging. Die unvoreingenommene Darstellungsweise des Vortrags dürfte sicher dazu beigetragen haben, daß auch Astrologiebegeisterte nicht gleich eine Protesthaltung einnahmen, als die Astrologie wissenschaftlich analysiert wurde. Im ersten Teil seines Vortrages beschäftigte Wunder sich mit den Grundprinzipien, der Herkunft und der Geschichte der Astrologie. Eine erste Schwierigkeit des Themas Astrologie sei, so Wunder, daß es keine einheitliche Definition für die Astrologie gebe. Eine genauere Beschreibung als "ein Zusammenhang zwischen Oben und Unten" sei nicht möglich. Umstritten unter Astrologen sei hinsichtlich des "Oben", welche Art von Himmelskörper Bedeutung haben sollten. Für das "Unten" müsse man klären, ob etwa auch Haustiere betroffen sein könnten oder der Dollarkurs. Auch werde die Aussagegrenze ganz unterschiedlich ausgelegt, also etwa die Frage, ob man den Todestag einer Person vorhersagen könne. Die Entwicklung der Astrologie in Deutschland betrachtend, stellte Wunder fest, daß die Leute wieder an die Astrologie glauben, nicht "immer noch". So sei die Astrologie erst zu Anfang dieses Jahrhunderts aus England wieder nach Deutschland eingewandert, zunächst im Wege von spirituellen Zirkeln, später auch innerhalb der breiten Gesellschaft.

Zunächst wandte sich Edgar Wunder dem Weltbild der Astrologie zu, das von dem unseren naturwissenschaftlichen abweicht. Zu der Zeit, in der die Ursprünge der Astrologie liegen, galt das "Käseglocken"-Modell, mit der Erde als Scheibe, über die sich der Himmel als Kuppel wölbt. Die Gestirne galten als Fackeln, die am Himmel angeheftet waren. Gewisse kosmische Phänomene ließen sich folglich nicht hinreichend erklären, so etwa die Schleifen der Planeten. Das mußten dann also göttliche Zeichen sein. Auch die Zuordnungen von Eigenschaften zu Gestirnen entstammten solchen Fehldeutungen. Beispielsweise stellte man fest, daß solche Nächte kälter waren, in denen der Mond schien. Außerdem kam es in diesen kalten Mondnächten zu Taubildung. Aus diesen Beobachtungen wurde der Mond mit Kälte in Verbindung gebracht, und zudem wurde dem Mond das Attribut der Fruchtbarkeit verliehen. Das Phänomen, daß es in wolkenlosen Nächten nun einmal kälter ist als in bewölkten Nächten, und daß dann mehr Wasser kondensiert, kann man aber auch ohne solche Mystik erklären. Für die Menschen damaliger Zeiten waren die Folgerungen, die auf höhere Mächte wiesen, jedoch zwangsläufig. Problematisch ist an der heutigen Astrologie, daß sie sich in ihren Zuordnungen immer noch auf diese Vorstellungen beruft.

Als nächstes behandelte Wunder die Sternbilder und erläuterte, daß die verschiedenen Kulturen ganz unterschiedliche Sternbilder hatten, die sie auch mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften und Deutungen belegten. Er machte deutlich, daß es der Astrologie gerade nicht um die Sternbilder oder die Sterne, sondern allein um deren Namen geht. So erklärte er, wie sich der Frühlingspunkt aufgrund der Präzession in den letzten 2000 Jahren vom Widder in die Fische bewegt hat. Allerdings geht die Astrologie ungeachtet dieser Tatsache immer noch vom Widder als Frühlingspunkt für ihre Berechnungen aus. Wunder machte daran deutlich, daß es der Astrologie gar nicht um reale Himmelsvorgänge oder -objekte geht, sondern sie nur als einen rein theoretischen Ausgangspunkt versteht. Die Astrologie ist willkürlich in ihrer Ausdehnung, Benennung und Projektion nach oben. Die Astrologie hat folglich mit dem Sternenhimmel nichts zu tun !

Danach folgte ein kurzer Abriß über die Geschichte der Astrologie, in deren Spanne ganz unterschiedliche Deutungsweisen im Vordergrund standen. In der frühen Astrologie (1700- 300 v.Chr.) Mesopotamiens versuchte man, Vorhersagen für das Staatswesen oder den Herrscher zu erhalten. In der antiken Astrologie (300 v. - 500 n.Chr.), die durch die Feldzüge Alexanders d. Großen Verbreitung in Europa fand, wurden die Aussagen der Astrologie

individueller, bis durch das Erstarken des Christentums eine Zurückdrängung der Astrologie einsetzte. In Mittelalter wurde die Astrologie durch die Araber konserviert und erlangte in der frühen Neuzeit einen Höhepunkt. Mit dem Vordringen des naturwissenschaftlichen Weltbilds jedoch nahm ihr Einfluß rapide ab und erhielt sich nur noch in England. Wie schon erwähnt, faßte die Astrologie im 20. Jahrhundert erst wieder über den Weg nach England in Europa Fuß. Um 1930 erfolgte die "Erste Astrologische Revolution" mit der Erfindung des Zeitungshoroskops. Die zweite astrologische Revolution stellte die Verbreitung von Personal Computern in den 80er Jahren dar. (In den Jahren 1980-1995 kam es zu einer Verzehnfachung der Astrologen, in Deutschland sind dies jetzt 6000-7000). Die moderne Astrologie stellt sich nun etwa wie folgt dar. Sie fordert nicht, wie die antike Astrologie, eine Beeinflussung durch kosmische Vorgänge, sondern bejaht nur eine "Gleichzeitigkeit" zwischen dem "Oben und Unten". Es gibt folglich kaum noch Zukunftsvorhersagen, vielmehr steht die Psychologisierung im Vordergrund. Es gilt also, die Antwort auf die Frage "Wer bin ich ?" zu finden. (Im Vergleich zur älteren Astrologie dazu wird deutlich, daß sich etwa im Mittelalter die Frage nach dem "Ich" gar nicht stellte). Ereignisse werden nicht vorher erkannt, sondern nur ihre Bedeutung. Dies führt aber auch dazu, daß keine Nachprüfbarkeit besteht- denn was ist ein bedeutendes Ereignis ? Ein Spezifikum der modernen Astrologie ist außerdem der Reinkarnationsgedanke. Man muß aber bedenken, daß es die Astrologie nicht gibt, sondern nur eine Vielzahl von verschiedenen Strömungen. Praktisch jeder Astrologe hat "seine" Astrologie".

Im zweiten Teil des Vortrags untersuchte Wunder die häufigsten Argumente für und gegen die Astrologie. Fest stehe jedenfalls, daß ein Mangel an (astronomischen) Wissen nicht der Grund für Astrologiegläubigkeit sei. Ein Argument für die Astrologie lautet: Es wurde noch nie bewiesen, daß die Astrologie nicht stimmt. Während jedoch dieser Beweis nicht erbracht werden kann, wäre der Beweis, daß die Astrologie stimmt, theoretisch möglich ! Zudem hat in der Wissenschaft immer derjenige die Beleglast, der eine These aufstellt. Folglich wäre es in diesem Streit Sache der Astrologen, ihre Auffassung zu belegen. Tatsächlich gingen aber bisher alle empirischen Studien zur Überprüfung oder Beweisbarkeit astrologischer Thesen negativ aus. Von Astrologen werde, so Wunder, oft darauf verwiesen, daß man natürlich nur seriösen Astrologen Glauben schenken dürfe. Fraglich sei aber, was denn die "seriöse" Astrologie sein solle. Jeder Astrologe scheine jeden anderen Astrologen für unseriös und für einen Scharlatan zu halten.

Häufig dürfte das Argument sein, "Die Vorhersage hat bei mir aber tatsächlich gestimmt". Durch Evidenzerlebnisse fühlen sich Menschen in Horoskopen bestätigt. Hier spielen jedoch psychologische Vorgänge eine entscheidende Rolle. Zum einen hat dann die selektive Wahrnehmung/ Erinnerung zur Folge, daß einem gerade "angekündigte" Geschehnisse besonders auffallen. Nicht zu vernachlässigen sind auch Zufallswahrscheinlichkeiten (Bei solchen Prognosen, die mit 50%er Wahrscheinlichkeit eintreten, vermutlich nicht gerade selten!). Zum anderen gibt es den sogenannten Barnum-Effekt: Wenn eine Charakterbeschreibung so gehalten ist, daß sie Eigenschaften beschreibt, die auf jeden Menschen zutreffen oder von denen jeder glaubt, daß er sie hat, wird man sich auch selbst in der Analyse wiedererkennen. Studien haben auch gezeigt, daß die Probanden die Horoskope immer für genau so individuell passend hielten, wie man ihnen zuvor suggeriert hatte (Pseudo-Individualisierungen).

Das eigentlich schlagendste Argument für die Astrologie, nämlich, daß sie immer stimmt, ist zugleich ihre Bankrotterklärung: Edgar Wunder zeigte anhand eines "echten" Horoskops, wie man je nach Bedarf alles oder nicht herauslesen kann. Das kann man schön in dem Artikel des Göttinger Tageblatts (Ausgabe vom 10.12.98, S. 11) nachlesen.

Christine Geisler


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