Ägyptische Chronologie

Exakte Datierung mit Hilfe der Astronomie

Die Ermittlung genauer oder abso-luter Daten der ägyptischen Geschichte ist außerordentlich schwierig. Die Angaben in den Inschriften sind meistens relativ: Sie führen zwar eine Abfolge von Herrschaften an, zwischen deren Regierungszeiten gelegentlich Lücken klaffen, diese in einem festen Bezugsrahmen einzuordnen ist eine andere Sache.

Die Geschichtsschreibung stützt sich daher bei absoluten Zeitangaben zum alten Ägypten auf die astronomische Datierung. Dazu werden bürgerlicher und astronomischer Kalender in einer komplizierten Rechnung miteinander verknüpft. Die auch den 1460 jährigen Sothis-Zyklus berücksichtigt. Letzterer basiert auf dem Frühaufgang des "Hundsstern" Sirius, oder Sothis. Schon die alten Ägypter zählten das Jahr zu 365 Tagen, aber sie korrigierten nicht das jährliche Hinzukommen eines viertel Tages, den wir alle vier Jahre Ende Februar mit einem Schalttag ausgleichen, bürgerlicher und astronomischer Kalender kamen daher aus dem Tritt, was extreme Datumsunterschiede zur Folge hatte. Doch alle 1460 Jahre stimmten die beiden Kalender wieder überein und verliefen kurzzeitig synchron, bis sie nach und nach wieder auseinander gerieten. Der Frühaufgang des Sirius - bei dem dieser Stern unmittelbar vor Sonnenaufgang am Horizont erscheint - hätte idealer Weise mit dem ägyptischen Neujahrstag zusammen fallen müssen, doch dies geschah nur alle 1460 Jahre. Dem Grammatiker Censorinus aus dem dritten nachchristlichen Jahrhundert zufolge stimmten 139 nach Christus

Beginn des ägyptischen Jahres und Frühaufgang des Sirius tatsächlich überein; damit war der Sothis-Zyklus beendet. Eine Million Tetradrachmen, die von der Münze in Alexandria ausgegeben wurden, bestätigen dieses Phänomen: Sie zeigen auf der Rückseite die stehende Figur eines umkränzten Phönix und das griechische, das Ende einer Ära bezeichnende Wort AION. Zugleich wird es mit dem Buchstaben L und B auf das Jahr zwei des Kaisers Antonius Pius - vom 29.08.138 bis 28.08.139 n. Chr. - datiert. Davon ausgehend, läßt sich zurückschließen, dass ein vergleichbares Zusammentreffen in den Jahren 1317 und 2773 v. Chr. stattgefunden haben muß.

Ein Frühaufgang des Sirius wird aus der zwölften Dynastie gemeldet, im siebten Jahr der Regierung Senwosret III (1878 - 1841 v. Chr.) - genauer gesagt am 16. Tag des vierten Monats in der zweiten Jahreszeit des siebten Amtsjahres. (Im alten Ägypten gab es statt unserer vier nur drei Jahreszeiten: Überschwemmung, Aussaat und Ernte, danach beginnt der Zyklus von vorn.) Durch Zurückrechnen von den "Koinzidenzen" der Jahre 1317 und 2773 v.Chr. aus kann dieser Aufgang auf 1872 v.Chr. festgelegt werden. Eine ähnliche Himmelserscheinung ereignete sich am neunten Tag des dritten Monats der dritten Jahreszeit im neunten Amtsjahr des Amenhotep I (1551-1524 v.Chr.) - irgendwann innerhalb einer Zeitspanne von 26 Jahren in der zweiten Hälfte des 16. vorchristlichen Jahrhunderts, denn das Datum läßt sich hier nicht so exakt bestimmen wie im Falle Senwosret.

Dies zeigt, wie vage die ägyptische Chronologie sein kann, die in der Hauptsache auf den Regierungszeiten - soweit bekannt - der einzelnen Könige basiert, die durch Voraus - und Zurückrechnen mit den drei erwähnten Frühaufgängen des Sirius verknüpft wurden. Einig ist man darin, daß seit dem Jahr 664 v. Chr., dem Beginn der 26. Dynastie (Saitenzeit) und der Regierung Psammetichs I, die Chronologie auf sicheren Füßen steht. Ausschlaggebend sind hier die zeitlichen Bezüge zur Chronologie anderer Mittelmeerkulturen die in der klassischen und römischen Epoche ausgeprägter werden. Die Fehlertoleranzen für Daten vor der 26. Dynastie sind höchst unterschiedlich. Wenn es um das neue Reich geht, mag ein Spielraum von 20 Jahren vertretbar sein, doch je weiter man in der Geschichte Ägyptens zurück geht, desto größer werden die zeitlichen Unsicherheiten. Angaben für die Frühzeit der Vereinigung und die "0" - dritten Dynastie können Schwankungen von 50 bis 200 Jahren unterworfen sein.

Der konfuse Kalender

Die Diskrepanz zwischen dem herkömmlichen ägyptischen Kalenderjahr von 365 Tagen und der Echtzeit von 365 1/4 Tagen führte zu merkwürdigen Unregelmäßigkeiten. Eine Inschrift aus der Regierungszeit Amenemhets III (1842 - 1797 v. Chr.) berichtet von der Reise des königlichen Schatzmeisters Harrure auf den Sinai. Im dritten Monat dessen, was nach offizieller Zeitrechnung Winter war, sollte er bei Serbit el-Chadim Türkisgestein abbauen. Doch die tatsächliche Witterung entsprach dem Hochsommer, und Harrure berichtete, wie hart er und seine Männer zu leiden hatten in "den Bergen, welche mit ihrer großen Hitze die Haut verbrennen." Wie ein Papyrus aus dem 13. vorchristlichen Jahrhundert sagt: "Der Winter ist zum Sommer geworden, die Monate sind vertauscht, die Stunden in Unordnung."

Ilse Jäger

Quellen:
Die Hieroglyphen und ihren Entzifferung
Lexikon der Archäologie
Hatschepsut, die Pharaonin


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© Die AVG Internet-Redaktion. Letzte Änderung: 28.02.2000